Robuster Aufwärtstrend, mäßige Dynamik

19. Mai 2016, von: BWIHK-Tag

Konjunkturbericht für Baden-Württemberg, Mai 2016

Der Konjunkturmotor der Südwestwirtschaft läuft auch im Frühsommer 2016 weiterhin rund. Wie schon zu Beginn des Jahres bewerten 94 Prozent der Unternehmen ihre aktuelle Situation als gut oder befriedigend, nur jeder 18. Betrieb klagt über schlecht laufende Geschäfte. Neben der weiterhin brummenden Bauwirtschaft berichten insbesondere die chemisch-pharmazeutische Industrie, die Automobilhersteller sowie das Gastgewerbe über eine aktuell verbesserte Lage. Dagegen hat die Zufriedenheit im Einzelhandel sowie im Kreditgewerbe spürbar nachgelassen.

Der Blick nach vorn bleibt insgesamt weiterhin verhalten zuversichtlich. Ein gutes Drittel der Unternehmen hegt optimistische Erwartungen, aber jeder zehnte Betrieb ist skeptisch. Die Mehrheit geht somit unverändert davon aus, das erreichte Geschäftsniveau in den kommenden Monaten in etwa halten zu können. Das ergibt die aktuelle Konjunkturumfrage des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK) im Frühsommer 2016, an der sich über 4.100 Unternehmen aus allen Branchen, Größenklassen und Landesteilen beteiligt haben.


Dynamik bleibt mäßig

Die schon zu Beginn des Jahres nicht allzu dynamische Umsatzentwicklung hat in den letzten Monaten weiter an Schwung verloren. 38 Prozent der Unternehmen können weiterhin von steigenden Erlösen profitieren, ein Rückgang um acht Prozentpunkte gegenüber dem Jahresauftakt. Der Anteil der Betriebe mit Umsatzrückgängen ist um zwei Prozentpunkte auf 22 Prozent gestiegen.

An dieser mäßigen Dynamik wird sich auch in den kommenden Monaten nicht viel ändern. Der Optimismus der Südwestindustrie bezüglich ihrer Exportchancen in den bisherigen Konjunkturstützen Nordamerika und Eurozone hat nachgelassen. Die Skepsis gegenüber den strauchelnden Schwellenländern Südamerikas und Osteuropas hat nochmals zugenommen. Lediglich die Zuversicht bezüglich der asiatischen Märkte ist auf leichtem Niveau gestiegen. Somit bleiben die zusätzlichen Impulse aus dem Ausland verhältnismäßig schwach. Auch von der  Binnennachfrage verspricht sich die Südwestwirtschaft keine nachhaltige Stärkung der konjunkturellen Dynamik. Zwar dürfte der Konsum aufgrund des anhaltenden, leichten Beschäftigungsanstiegs sowie steigender Ausgaben des Staates für die Flüchtlingsversorgung seinen moderaten Aufwärtstrend fortsetzen. Für eine spürbare Beschleunigung der wirtschaftlichen Aktivität reichen diese positiven Nachfragetendenzen jedoch nicht aus.

Die Zahl der Unternehmen, die eine insgesamt steigende Nachfrage nach ihren Dienstleistungen und/oder Produkten registrieren, hat sich in den letzten Monaten nur geringfügig erhöht. Sie ist von 31 auf 33 Prozent angestiegen. Der Anteil der Betriebe, die mit rückläufigen Auftragseingängen zurechtkommen müssen, ist von 16 auf 14 Prozent zurückgegangen.


Zurückhaltende Investitionspläne

Gerade wenn man den Blick auf die zahlreichen Konjunkturgefahren richtet - die geringe Dynamik im Welthandel, latente Terrorgefahr, ins Stocken geratene Strukturreformen in den europäischen Krisenländern, ein möglicher Austritt Großbritanniens aus der EU mit ungewissen Folgen und der hektische Aktionismus der hiesigen Regierungsparteien aufgrund nachlassender Zustimmungswerte – sind die Erwartungen der Wirtschaft durchaus positiv. Angesichts des kräftigen Schubs für die Konjunktur durch die sehr niedrigen Rohstoff- und Energiepreise und die extrem expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, ist der leichte Aufwärtstrend der Südwestwirtschaft auf hohem Niveau jedoch noch kein Anlass für Freudensprünge. Denn es fehlen weiterhin eindeutige und verlässliche Signale, die die Unternehmen dazu veranlassen könnten, einen höheren Gang einzulegen und ihre Investitionsaktivitäten merklich zu steigern. Niedrige Zinsen allein werden die Investitionen nicht ankurbeln können. Eine Erhöhung der staatlichen Investitionen in digitale und mobile Infrastruktur sowie in die Erschließung zusätzlicher Fachkräftepotentiale würde dagegen helfen, Expansionshemmnisse zu beseitigen. Den Hauptschlüssel für einen Investitionsaufschwung - eine verlässliche, wettbewerbs- und innovationsfördernde sowie die internationale Kooperation intensivierende Wirtschaftspolitik - scheint die deutsche und europäische Politik indes verloren zu haben.

Folglich bleiben die Investitionsabsichten der Südwestwirtschaft von Vorsicht geprägt: 29 Prozent der Unternehmen wollen in den kommenden zwölf Monaten mehr in Deutschland investieren als in den vergangenen zwölf Monaten, ein Prozentpunkt weniger als zu Jahresbeginn. Gut zwölf Prozent haben dagegen bei ihren Budgets für Inlandsinvestitionen den Rotstift angelegt (-1 Prozentpunkt). Gar nicht investieren wollen wie zuvor acht Prozent der Betriebe. Das schlägt sich in den Auftragsbüchern der heimischen Investitionsgüterproduzenten nieder: Der Indikator für die Auftragseingänge aus dem Inland ist von zehn auf sieben Prozentpunkte zurückgegangen.


Arbeitsmarkt: Fachkräftemangel bremst Personalaufbau

Dank der üblichen Frühjahrsbelebung am Arbeitsmarkt sinkt die im Winter gestiegene Arbeitslosenzahl wieder. Ende April lag die Zahl der bei den Agenturen für Arbeit und Jobcentern registrierten Arbeitslosen bei 228.190, was einer Quote von 3,8 Prozent entspricht. Im Vergleich zum Vorjahr fällt die Arbeitsmarktbilanz jedoch bislang nur minimal positiv aus: Die Arbeitslosenzahl lag im April nur um 0,1 Prozent unterhalb ihres Vorjahresniveaus.
Das zeigt: Es ist nur relativ wenigen Arbeitslosen gelungen, vom anhaltend positiven Beschäftigungstrend zu profitieren. Hauptursache hierfür ist die zu geringe Qualifikation der meisten Arbeitslosen, so dass sie für die von den Betrieben zu besetztenden Fachkraftestellen häufig nicht in Frage kommen. Zwischen Februar 2015 und Februar 2016 stieg die Zahl der Sozialversicherungspflichtig beschäftigten im Südwesten um fast 100.000 Personen bzw. um 2,3 Prozent.

Die betrieblichen Beschäftigungspläne deuten darauf hin, dass sich der Arbeitsmarkt in den kommenden Monaten weiterhin moderat positiv entwickeln wird. Während fast zwei Drittel der Unternehmen ihre Personalstärke beibehalten wollen, planen 22 Prozent der Betriebe zusätzliche Einstellungen. Knapp 13 Prozent haben vor, ihre Belegschaften zu verkleinern. Grundsätzlich werden Fachkräfteengpässe in vielen Branchen bzw. Beufsgruppen den Beschäftigungsaufbau bremsen: 46 Prozent aller Betriebe befürchten aufgrund dessen nicht alle Stellen besetzten zu können.


Der Blick in die Branchen:


Industrie: Ein Fels in der Brandung

Die Industrie hat sich in den ersten Monaten des Jahres behaupten können. Zwar hat ihr Umsatz an Dynamik eingebüßt, jedoch ist es den meisten Betrieben gelungen, ihre Erträge auf einem zufriedenstellenden Niveau zu halten. Besser als im Schnitt der Industrie verliefen die Geschäfte der Chemie- und Pharmaindustrie sowie im Fahrzeugbau. Die Zufriedenheit der Metallverarbeiter ist dagegen gesunken. Der Blick auf die kommenden Monate verharrt auf einem leicht zuversichtlichen Niveau. So will die Industrie ihre Inlandsinvestitionen nur leicht erhöhen und ihren Personalbestand halten.


Chemie und Pharma: Stimmung merklich aufgehellt

Insbesondere dank eines steigenden Auslandsabsatzes haben sich die Geschäfte vieler Chemie- und Pharmaunternehmen gegenüber dem Jahresauftakt deutlich verbessert. Der Anteil der Betriebe mit gut laufenden Geschäften ist von 44 auf 56 Prozent geklettert. Dabei ist das erreichte Niveau jedoch noch nicht das Ende der Fahnenstange. Nach der Auslandsnachfrage beleben sich jetzt auch die Auftragseingänge aus dem Inland. Der IHK-Geschäftserwartungsindikator, der die Differenz zwischen Optimisten und Pessimisten angibt, hat sich in der Folge von 27 auf 54 Punkte verdoppelt.


Bau: Der Boom geht weiter

Die Bauproduktion bleibt aufwärts gerichtet, die Ertragsentwicklung und damit auch die Zufriedenheit der Betriebe verharren auf hohem Niveau. Nach einer kurzen Schwächephase zu Jahresbeginn hat die Nachfrage nach Bauleistungen wieder angezogen. Insbesondere im privaten Wohnungsbau, aber auch im Straßen- und Tiefbau sind die Auftragseingänge gestiegen. Im gewerblichen Hochbau hat sich die Nachfrage stabilisiert, im öffentlichen Hochbau hat sich der Abwärtstrend entschleunigt. Folglich hoffen wieder mehr Bauunternehmen außerhalb des Wohnungsbaus auf besser werdende Geschäfte.


Einzelhandel skeptischer als Großhandel

Der Großhandel profitiert weiterhin von der stabil positiven Geschäftsentwicklung seiner Kunden aus Industrie, Bau und Gastronomie. Dank erneut leicht verbesserten Bestelleingängen rechnen die meisten Großhändler damit, dass sich diese positive Entwicklung weiter fortsetzt. Dagegen ist im Einzelhandel die Zahl der Unternehmen, die über eine zunehmende Kaufzurückhaltung ihrer Kunden klagen, leicht angestiegen. Auch das wechselhafte Wetter hat den Absatz von Saisonwaren erschwert. Es bleibt die Hoffnung, dass die warme Saison wieder bessere Geschäfte mit sich bringt.


Dienstleistungen: Anhaltend positiv, wenig Sorge

Die anhaltend positive Nachfragetendenz hat sowohl das Auftragsvolumen als auch die Umsätze vieler Dienstleister steigen lassen. Insbesondere im ITK-Service sowie bei Unternehmensberatern läuft es rund und auch ihr Ausblick fällt optimistisch aus. Die Erwartungen im Verkehrs- und Transportgewerbe sowie in der Werbung sind bescheidener, aber weiterhin zuversichtlich. Geschäftsrisiko Nummer eins bleibt in den meisten Servicebereichen der Fachkräftemangel. Vielen Banken bereitet dagegen die Kombination aus nachlassender Kreditnachfrage und Niedrigzinsen noch viel größere Sorgen.


Gastgewerbe: Überdurchschnittlich gute Lage

Zwar hat die leicht nachlassende Umsatzdynamik in den vergangenen Monaten an der zu Jahresbeginn noch sehr ausgeprägten Zufriedenheit geknabbert, aber das Hotel- und Gaststättengewerbe Baden-Württembergs befindet sich auch im Frühsommer 2016 weiterhin in überdurchschnittlich guter Lage. Eine Umkehr dieser guten Geschäftsentwicklung befürchten nur ganz wenige Gastronomen (neun Prozent). 62 Prozent rechnen mit in etwa gleich guten Geschäften. 29 Prozent sind optimistisch. Gebremst wird die Branche vor allem durch Personalengpässe, 84 Prozent der Betriebe sind betroffen.



Baden-Württembergischer Industrie- und Handelskammertag
Federführung Volkswirtschaft
Philip Reimers
c/o IHK Region Stuttgart, Jägerstraße 30, 70174 Stuttgart
Telefon +49 (0)711 2005-1425, Telefax +49 (0)711 2005-601425
philip.reimers@stuttgart.ihk.de


zurück