Hochkonjunktur verliert etwas an Fahrt

23. Oktober 2018, von: BWIHK-Tag

Konjunkturbericht für Baden-Württemberg, Oktober 2018


Die Wirtschaft Baden-Württembergs surft auch im Herbst 2018 weiterhin auf einer Welle des Erfolges. Nur wenige Unternehmen können sich nicht auf dem Wellenkamm halten. Die Umsätze aus dem In- und Ausland sind in den vergangenen Monaten weiter gestiegen. Gut neun von zehn Betrieben haben befriedigende bis gute Erträge erwirtschaften können. Die Auftragsbücher sind mehr als gefüllt. Um die gestiegene Nachfrage bedienen zu können, arbeiten viele Unternehmen am Limit ihrer Kapazitäten. Die Auslastung befindet sich insgesamt auf sehr hohem Niveau.

Triebfedern der Südwestkonjunktur sind der steigende private Konsum, die boomenden Bauinvestitionen, anhaltend günstige Finanzierungsbedingungen sowie expandierende Unternehmensinvestitionen in Bauten, Maschinen, Digitalisierung und Innovationen. Auch die Auslandsnachfrage befindet sich weiterhin auf einem sehr hohen Level und stützt den Aufschwung. Folglich sind fast sechs von zehn Unternehmen mit ihrer aktuellen Situation sehr zufrieden. 36
Prozent bewerten ihre Lage als befriedigend und nur knapp fünf Prozent klagen über schlecht laufende Geschäfte.
Damit meldet die Wirtschaft Baden-Württembergs aktuell die drittbeste Lage ller Befragungen in den letzten drei Jahrzehnten. Das ergibt sich aus der aktuellen Konjunkturumfrage des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK), an der sich 3.601 Unternehmen aus allen Branchen, Größenklassen und Landesteilen beteiligt haben.

Nachfrageimpulse lassen nach

Die konjunkturellen Auftriebskräfte werden auch in den kommenden Monaten intakt bleiben. Die von den Betrieben gemeldete aktuelle Auftragseingangstendenz, die spürbar schwächer, aber weiterhin positiv ausfällt, deutet jedoch darauf hin, dass die Wachstumsimpulse geringer werden. Insbesondere die sehr innovative und leistungsfähige
Südwestindustrie beginnt, die handelspolitischen Verwerfungen und Unsicherheiten allmählich zu spüren, die vom
weiterhin ungeregelten baldigen Brexit sowie vom Handelsstreit zwischen den USA und China ausgehen. Der Anteil der Industrieunternehmen, die steigende Auslandsaufträge in ihre Bücher schreiben können, ist seit Jahresbeginn von 43 auf 30 Prozent zurückgegangen. Die Zahl der Betriebe, die mit einer zurückgehenden Auslandsnachfrage zurechtkommen müssen, hat sich auf 14 Prozent verdoppelt. Die Industrie rechnet weiterhin mit steigenden Exporten, jedoch werden die Nachfrageimpulse insbesondere aus Asien und der Eurozone etwas schwächer. Auch werden weniger Unternehmen von Exportzuwächsen profitieren können als bislang. Dank der starken Binnennachfrage nehmen die Importe inzwischen schneller zu als die Exporte.

Die zusätzlichen Impulse, die von der Binnennachfrage ausgehen, scheinen sich aber leicht abzuschwächen. Die Nachfrage nach Bauleistungen wird zwar von den sehr niedrigen Hypothekenzinsen sowie dem steigenden Immobilienbedarf angeheizt, ein Anstieg der Bauproduktion wird jedoch durch fehlende freie Kapazitäten und
Fachkräfte begrenzt. Die steigenden Personalengpässe bremsen zunehmend auch die Expansion in anderen Branchen. Darin sehen 61 Prozent aller Unternehmen ein Geschäftsrisiko. Somit werden auch der Beschäftigungsanstieg, das verfügbare Einkommen und damit der private Konsum in den kommenden Monaten mit geringerem Tempo zunehmen. Auf der anderen Seite führen die Personalengpässe zu tendenziell stärker steigenden Einkommen und Konsumpotenzialen.

Expansive Investitionspläne

Im Zuge der nachlassenden Nachfragedynamik fallen auch die Geschäftserwartungen nicht mehr so positiv aus wie noch
im Frühsommer. Die Zahl der Optimisten ist von 33 auf 28 Prozent gesunken, die der Pessimisten von sieben auf gut neun Prozent gestiegen. 62 Prozent (plus zwei Prozentpunkte) gehen davon aus, ihre Geschäfte auf dem erreichten hohen Niveau halten zu können. Somit hat sich die Zuversicht der Unternehmen in Baden-Württemberg spürbar verringert, der Aufwärtstrend bleibt jedoch intakt. Das äußert sich auch in nahezu unverändert expansiven Investitionsplänen. 34 Prozent der Betriebe planen, in den nächsten zwölf Monaten mehr in Deutschland zu investieren als in den zwölf Monaten zuvor – nur zwei Prozentpunkte weniger als im Frühsommer. Ihre Investitionsausgaben
kürzen wollen unverändert lediglich elf Prozent der Unternehmen. Der Investitionsindikator – als die Differenz zwischen beiden Anteilen – liegt mit 25 Punkten weiterhin klar über seinem langfristigen Durchschnittswert von sieben Punkten.
Somit bleiben die betrieblichen Investitionen eine solide Stütze des Aufschwungs.

Immer mehr nicht besetzbare Stellen

Die Arbeitslosigkeit ist im Südwesten im Herbst 2018 weiter zurückgegangen. Im Landesdurchschnitt ist die Quote im von 3,4 Prozent im September gegenüber dem Vorjahr auf 3,1 Prozent gesunken. In vielen Regionen kann inzwischen von Vollbeschäftigung gesprochen werden. Die Suche nach Fachkräften wird für die Unternehmen in der Folge zunehmend schwieriger. Das schlägt sich unter anderem in der Entwicklung der Zahl der bei den Arbeitsagenturen registrierten offenen Stellen nieder. Diese haben im Vorjahresvergleich um 8,1 Prozent auf 114.148 zugenommen. Damit stehen zehn offenen Stellen 17 Arbeitslose gegenüber, in Deutschland sind es deutlich mehr (28 Arbeitslose). Zwar gelingt es vielen Südwestunternehmen, ihren Personalbestand zu erhöhen, wodurch die Zahl der sozialversicherungspflichtigen
Beschäftigten kontinuierlich steigt, jedoch können sie ihren Fachkräftebedarf nicht vollständig decken. Die Zahl der Betriebe mit Stellenbesetzungsproblemen immt deshalb weiter zu. Aktuell haben von allen Unternehmen auf Personalsuche 78 Prozent offene Stellen, für die sie kein geeignetes Personal finden können. Im Herbst des Vorjahres waren mit 75 Prozent noch drei Prozent weniger betroffen.

Die betrieblichen Personalpläne für die kommenden Monate deuten darauf hin, dass sich die Personalengpässe tendenziell weiter vergrößern werden. Mit einem Anteil von 26 Prozent planen doppelt so viele Unternehmen ihre Belegschaften zu vergrößen als zu verkleinern. Sechs von zehn Betrieben wollen ihren Personalbestand
unverändert lassen.


Der Blick in die Branchen:


Industrie: Nachfrageimpulse lassen nach

Die Industriekonjunktur verläuft weiterhin rund. Die Kapazitäten sind hoch ausgelastet, die Auftragsbücher gut gefüllt und die Umsätze steigen. Diese positive Entwicklung wird sich in den kommenden Monaten fortsetzen, jedoch mit abnehmenden Zuwachsraten. Die aktuell merklich schwächere Tendenz im Auftragseingang aus dem In- und Ausland dämpft die Zuversicht der hiesigen Industrie ein wenig. Die Unternehmen zweifeln jedoch
keineswegs daran, dass sich ihre Geschäfte weiterhin positiv
entwickeln werden. Die Industrie trägt über steigende Investitionsausgaben selbst dazu bei.


Bauwirtschaft ist bester Dinge

Die Stimmung am Bau war noch nie so gut wie jetzt. 80 Prozent der Betriebe geht es gut, 19 Prozent bewerten ihre Situation als befriedigend und nur knapp ein Prozent ist unzufrieden. Die Mehrheit der Bauunternehmen geht davon aus, dass sie ihre Geschäfte in den nächsten Monaten zumindest auf dem erreichten hohen Niveau halten können. Pessimistisch blicken nur drei Prozent der Betriebe nach vorn. Das weiterhin sehr günstige Finanzierungsumfeld beflügelt die Nachfrage nach Bauleistungen,
Engpässe beim Personal sowie steigende Kosten begrenzen jedoch die Expansion.


Handel : Großhandel zufriedener als Einzelhandel

Der Einzelhandel bleibt in Bewegung. 34 Prozent der Betriebe profitieren von gestiegenen Umsätzen, 35 Prozent melden konstante Erlöse. 31 Prozent der Einzelhändler klagen über Einbußen. Die Stimmung im Einzelhandel hat sich damit seit dem Frühsommer kaum verändert. Die Lage wird positiv, aber etwas ungünstiger bewertet. Die Zuversicht hat auf niedrigem Niveau leicht zugenommen.
Deutlich besser laufen die Geschäfte weiterhin im Großhandel,
insbesondere im industrie- und baunahen Großhandel. Künftig dürfte es jedoch auch für die meisten Großhändler etwas langsamer bergauf gehen.


Dienstleistungen: IKT-Service boomt

Dank voller Auftragsbücher und kontinuierlich steigender Umsätze sind die Dienstleister weiterhin mit ihrer aktuellen Lage sehr zufrieden. Besonders gefragt sind die Leistungen der Architektur- und Ingenieurbüros sowie des IKT-Service. Die Informations- und Kommunikationsdienstleister sind auch die einzige Sparte, deren Auftragsvolumen aufgrund des Digitalisierungstrends mit großer Dynamik zulegt. In allen anderen Dienstleistungsbranchen ist die Zahl der Betriebe mit wachsendem Auftragsvolumen zurückgegangen, was die Erwartungen für die kommenden Monate etwas trübt.


HoGa: Bessere Lage, verhaltener Optimismus

Die Super-Sommermonate sind für viele Hotels und Gaststätten
positiv verlaufen. Steigende Gästezahlen, höhere Umsätze und eine zunehmende Zimmerauslastung haben zur Verbesserung der Gewinnentwicklung beigetragen und die Zufriedenheit steigen lassen. Während in den meisten Hotels die Zimmervermietung angezogen hat, stagnieren die Erlöse in den Hotelrestaurants. Drei Viertel der Betriebe bauen darauf, das erreichte Geschäftsniveau
in den nächsten Monaten halten zu können. Hauptsorge ist der akute Fachkräftemangel, neun von zehn Betrieben sind betroffen.


Gastro: Trockener Sommer lässt Zufriedenheit steigen

Die Restaurants, Cafés und Caterer bewerten ihre Lage auf hohem Niveau nochmals besser als im Frühsommer. Der trockene, warme Sommer hat insbesondere den Betrieben in touristisch attraktiven Orten viele Gäste und steigende Umsätze beschert. Aber auch die gewerbliche Kundschaft hat verstärkt Dienste der Branche in Anspruch genommen. Mit weiteren Zuwächsen rechnet ein gutes Fünftel der Betriebe - im Frühsommer waren noch 7 Prozent optimistisch. Die Zuversicht wird von der Kostenentwicklung sowie vom Mangel an Fachkräften ebremst - 86 Prozent der Betriebe klagen darüber.



Baden-Württembergischer Industrie- und Handelskammertag
Federführung Volkswirtschaft
Philip Reimers
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