Der Aufwärtstrend bleibt robust

7. Februar 2017, von: BWIHK-Tag

Konjunkturbericht für Baden-Württemberg, Februar 2017

Der neue US-Präsident sendet mit seinem „America first“ unbeirrt protektionistische Signale, die Verhandlungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU über den Brexit rücken näher, auch der italienische Ministerpräsident Renzi trat nach verlorenem Verfassungsreferendum zurück. Genauso stehen in diesem Jahr Wahlen in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland an, bei denen Zuwächse für europakritische Rechtpopulisten befürchtet werden: Das sind nur die jüngst neu hinzu gekommenen politischen Risiken, die eigentlich schwer auf den Schultern der Unternehmen lasten müssten.
Die Schultern der Südwestwirtschaft sind jedoch offensichtlich breit: Die die Wirtschaft setzt ihren Aufwärtstrend  scheinbar unbeeindruckt weiter fort, auch wenn die konjunkturelle Dynamik niedrig bleibt. Die Unternehmen bewerten ihre Lage zu Jahresbeginn auf hohem Niveau nochmals besser als im letzten Herbst. Der bisherige Höchststand von Betrieben in guter Lage vom Frühsommer 2011 wurde aktuell mit einem Anteil von 54 Prozent nur um Haaresbreite verfehlt. Schlecht geht es weiterhin nur jedem zwanzigsten Unternehmen.

Die aktuelle wirtschaftliche Hochphase, an der alle Branchen teilhaben, hält jetzt schon über drei Jahre an, und damit deutlich länger als vorangegangene Hochphasen, bei denen es schon nach 15 bis 18 Monaten wieder abwärts ging. Trotzdem rechnet die Wirtschaft nicht mit einem abrupten Ende des Aufwärtstrends noch in diesem Jahr. Denn neun von zehn Unternehmen erwarten, dass ihre Geschäfte weiterhin so gut laufen wie bisher oder sich sogar noch etwas verbessern. Das ergibt die aktuelle Konjunkturumfrage des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK) zu Jahresbeginn 2017, an der fast 4.000 Unternehmen aus allen Branchen, Größenklassen und Landesteilen teilgenommen haben. 


Zufriedenheit steigt auf breiter Front

Der konjunkturelle Aufwärtstrend hat seit dem letzten Herbst weiter an Breite gewonnen. Es ist nicht nur die Zahl der davon über Erlös- und Ertragszuwächse profitierenden Betriebe im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt gestiegen – in nahezu allen Branchen und Größengruppen ist die Zufriedenheit auf hohem Niveau weiter gewachsen.
Dank der günstigen Finanzierungsbedingungen läuft der Konjunkturmotor am Bau auf höchsten Touren, wodurch auch der Finanzierungsbedarf wächst, der den Banken eine steigende Kreditnachfrage beschert. Auch ITK- und Beratungsdienste bleiben gefragt. Aufgrund der gestiegenen Nachfrage hat die Industrie ihre Produktion und Auslastung erhöht. Der Werkzeugmaschinenbau profitiert von steigenden Bestellungen aus dem Inland. Schließlich ist auch der Handel in eine konjunkturelle Hochphase eingetreten: Zum ersten Mal seit Beginn des anhaltenden Aufwärtstrends hat der Lageindikator im Handel die Grenze von 40 Punkten überschritten.


Zuversichtlicher Blick nach vorn

Mehrheitlich gehen baden-württembergische Unternehmen davon aus, dass sie trotz aller Risiken in 2017 weiterhin erfolgreich wirtschaften können. 61 Prozent der Betriebe rechnen damit, ihre Geschäfte in diesem Jahr auf dem bereits erreichten hohen Niveau weiterführen zu können. 31 Prozent der befragten Unternehmen trauen sich sogar weitere Verbesserungen zu. Dem gegenüber befürchtet nur jeder elfte Betrieb Rückschläge.

Dieser insgesamt zuversichtliche Blick nach vorn stützt sich auf die Belebung der Nachfrage in den letzten Monaten. Aus dem In- und Ausland kommen derzeit positive Impulse, sodass die Zahl der Betriebe, deren Auftragsbücher sich weiter füllen, zugenommen hat. Der Indikator für den Auftragseingang, der die positiven und negativen Auftragsmeldungen saldiert, ist von 15 Punkten im Herbst auf aktuell 20 Punkte gestiegen. Auch über diese Momentaufnahme hinaus herrscht Zuversicht. Angesichts der positiven Beschäftigungs- und Einkommensentwicklung dürfte der private Konsum die Binnenkonjunktur weiterhin stützen. Auch aus dem Ausland verspricht sich vor allem unsere exportstarke Südwestindustrie kräftige Impulse. Während die Nachfrage aus Russland und Lateinamerika so langsam ihre Talsohle durchschreiten dürfte, bleiben die Exportperspektiven in Europa und Nordamerika optimistisch. In Bezug auf Asien fallen die Exporterwartungen deutlich freundlicher aus als noch im Herbst.

Die Personal- und Investitionspläne der Südwestwirtschaft haben sich leicht aufgehellt und bleiben aufwärts gerichtet. Somit dürfte 2017 die Beschäftigung weiterhin leicht steigen, soweit die zunehmenden Fachkräfteengpässe einem weiteren Personalaufbau nicht im Wege stehen. Wie bei der Personalplanung spielt auch bei den Inlandsinvestitionen die Planungssicherheit eine wichtige Rolle. So werden die Investitionen wohl frühestens erst dann wieder in Schwung kommen, wenn klar ist, wohin in Europa (Brexit) und in den USA (Protektionismus) die Reise geht.


Arbeitsmarkt: Beschäftigungsaufbau verlangsamt sich

Die weltwirtschaftlichen Unsicherheiten haben auf dem Arbeitsmarkt im Südwesten bislang keine nennenswerten Spuren hinterlassen. Der positive Beschäftigungstrend setzt sich weiter fort. Nach vorläufigen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (November 2016) gab es im Südwesten 4.509.100 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, 1,4 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Zu dieser Steigerung trug vor allem der Dienstleistungssektor bei (plus 1,9 Prozent). Aber auch Industrie und Bau haben ihren Personalbestand um 0,6 Prozent erhöht.

Der Zuwachs um 64.400 Beschäftigte hat sich vor allem aus der stillen Reserve sowie dem in- und ausländischen Fachkräftezuzug gespeist. Denn die Arbeitslosigkeit ging zwischen Januar 2016 und Januar 2017 nur um 7.000 Personen zurück. Offensichtlich fehlen vielen Arbeitslosen notwendige Qualifikationen, um erfolgreich einen der neu entstehenden Arbeitsplätze zu besetzen. Trotzdem bleibt Baden-Württemberg mit einer Arbeitslosenquote von 3,9 Prozent knapp nach Bayern (3,8 Prozent) das Bundesland mit der geringsten Arbeitslosigkeit in Deutschland.

Die positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt dürfte sich auch 2017 weiter fortsetzen. 25 Prozent der befragten Südwest-Unternehmen planen eine Einstellung zusätzlichen Personals, 63 Prozent wollen ihre Belegschaften konstant halten und knapp 12 Prozent rechnen mit sinkenden Beschäftigtenzahlen. Jedoch begrenzen Fachkräfteengpässe den Beschäftigungsaufbau. 50 Prozent der Unternehmen sehen im Fachkräftemangel eine konkrete Gefahr für ihre künftige Geschäftsentwicklung.


Der Blick in die Branchen:


Industrie: Nachfragebelebung hebt die Stimmung

Nach längerer Seitwärtsbewegung auf hohem Niveau, nimmt die Industriekonjunktur wieder an Fahrt auf. Steigende Umsätze und eine verbesserte Ertragslage lassen die Zufriedenheit wachsen. Trotz weltpolitisch unsicherer Lage blickt die Industrie mit Optimismus in die Zukunft. Gestiegene Auftragseingänge aus dem In- und Ausland schüren Hoffnung, dass die Nachfrage weiter zulegen wird. Insbesondere von ihren asiatischen Märkten versprechen sich Industrieunternehmen frische Impulse. Auch in Nordamerika und Europa überwiegen Chancen aus Branchensicht bei Weitem die Risiken. 


Werkzeugmaschinenbau im Aufwind

Nach zwei Jahren mit stagnierender Auftragslage belebt sich zu Jahresbeginn die Nachfrage im Werkzeugmaschinenbau, insbesondere aber nicht nur aus dem Inland. Eine steigende Auslastung, höhere Umsätze sowie eine verbesserte Ertragslage sorgen zusätzlich für gute Stimmung. Zwar sieht die Branche in der Auslandsnachfrage das wichtigste Konjunkturrisiko, sie rechnet jedoch trotz allem weltpolitischen Gegenwind damit, weiterhin ihre technologisch führenden, individuell auf Kundenbedürfnisse anpassbaren Werkzeugmaschinen erfolgreich global absetzen zu können. Der Personalbedarf steigt leicht.


Bau: Der Aufschwung geht weiter

Der positive Trend am Bau hält unvermindert an. Über 70 Prozent der Unternehmen bewerten ihre aktuelle Lage als gut; schlecht geht es nur einem Prozent. Auch ist ein Ende des Baubooms nicht in Sicht. 81 Prozent der Betriebe rechnen mit konstant gutem Geschäftsverlauf, 14 Prozent sogar mit weiteren Verbesserungen. Angesichts der anhaltend hohen Nachfrage, insbesondere im Wohnungsbau, bleibt der Personalbedarf hoch. Einem Aufbau steht jedoch der Fachkräftemangel im Wege, in dem über 75 Prozent der Bauunternehmen eine Gefahr für die eigene wirtschaftliche Entwicklung sehen.


Handel: Großhandel optimistischer als Einzelhandel

Der seit dem Stimmungstief im Jahr 2013 anhaltende Aufwärtstrend bleibt weiterhin intakt. Zwar bewerten Großhändler ihre Lage weiterhin besser als Einzelhändler, jedoch laufen die Geschäfte in beiden Branchen rund. Unzufrieden sind nur fünf Prozent der Großhändler bzw. acht Prozent der Einzelhändler. Zunehmende Bestelleingänge lassen den Großhandel zuversichtlich nach vorn schauen. Der Einzelhandel rechnet dagen nicht mit weiteren Zuwächsen. Entsprechend fallen die Investitions- und Beschäftigungspläne im Großhandel etwas freundlicher aus als im Einzelhandel.


Dienstleistungen: Hohe Zufriedenheit dank stabiler Nachfrage

Die Zufriedenheit der Dienstleister mit ihrer Geschäftslage hält sich auf hohem Niveau. Sie stützt sich auf gestiegenes Auftragsvolumen, Erlöszuwächse und eine verbesserte Ertragslage. ITK- und Beratungsdienste sind besonders gefragt, aber auch die Immobilienwirtschaft hat aufgrund des Baubooms gut zu tun. Die Zeitarbeit ist zufrieden, wird jedoch vom allgemeinen Fachkräftemangel in ihren Vermittlungsaktivitäten eingebremst – trotz hoher Nachfrage seitens der Kundschaft. Die meisten Servicesparten blicken zuversichtlich nach vorn, lediglich die Finanzbranche bleibt skeptisch.


Gastgewerbe: Gute Stimmung hält an

Hoteliers und Gastronomen sind zu Jahresbeginn guter Dinge. Auf hohem Niveau leicht steigende Übernachtungszahlen sorgen in Hotels für steigende Umsätze und eine hohe Zufriedenheit – was dazu führt, dass die meisten Betriebe stagnierende Umsätze in ihren Restaurants verschmerzen können. Kräftig steigende Gäste- und Umsatzzahlen haben die Lagebewertungen der Gastronomen deutlich nach oben schnellen lassen. Beide Teilbranchen hoffen, ihre Geschäfte im weiteren Jahresverlauf auf dem erreichten Niveau halten zu können. Sorgen bereiten der Branche vor allem Personalengpässe.



Baden-Württembergischer Industrie- und Handelskammertag
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