Südwestwirtschaft im Aufwind

12. Februar 2018, von: BWIHK-Tag

Konjunkturbericht für Baden-Württemberg, Februar 2018

Die konjunkturelle Dynamik hat sich im vergangen Jahr kontinuierlich erhöht und lässt die Südwestwirtschaft auf einer Erfolgswelle von Lagerekord zu Lagerekord surfen. Dank sprudelnder Umsätze sowie einer verbesserten Ertragsentwicklung befinden sich zu Beginn dieses Jahres 63 Prozent aller Unternehmen in einer guten aktuellen geschäftlichen Lage, fünf Prozent mehr als im Herbst und so viele wie noch nie in den letzten 20 Jahren. Unzufrieden mit ihrer aktuellen Situation sind nur drei Prozent der Betriebe, ein Drittel meldet eine befriedigende Lage. Neben der weiter boomenden Bauwirtschaft, laufen die Geschäfte der Dienstleister auf Rekordniveau und auch die Industrie befindet sich in einer sehr guten Lage.

Der große Schwung, mit dem die Südwestwirtschaft ins neue Jahr gestartet ist, dürfte ihr auch in den kommenden Monaten erhalten bleiben. Denn die  Zahl der Unternehmen, die trotz eines erhöhten Outputs über sich füllende Auftragsbücher berichten, ist binnen Jahresfrist von 33 auf 41 Prozent geklettert. Auch über diese Momentaufnahme hinaus rechnen die Betriebe mit einer positiven Geschäftsentwicklung, ihre Zuversicht ist nochmals gestiegen. Denn ernste Sorgen bereiten den Betrieben vor allem die wachsenden Fachkräfteengpässe, inzwischen sind schon gut sechs von zehn Betrieben betroffen, sowie der leicht zunehmende Kostendruck. Darüber hinaus zeichnen sich derzeit keine weiteren akuten Expansionsbremsen am Horizont ab. Das ergibt die aktuelle Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammern in Baden-Württemberg, an der sich 3.875 Unternehmen aus allen Branchen, Größenklassen und Landesteilen beteiligt haben.

 „Made in South-West-Germany“ weltweit zunehmend gefragt

Triebfeder des Aufschwungs ist der anhaltende Anstieg der Nachfrage aus dem In- und Ausland nach Dienstleistungen und Produkten aus dem Südwesten. Ihre hohe Wettbewerbsfähigkeit sowie ihre globale Präsenz versetzen die hiesigen Unternehmen in die Lage, mit Erfolg an der Expansion von Welthandel und Weltwirtschaft teilzuhaben. 46 Prozent aller auslandsorientierten Betriebe rechnen mit weiter steigenden Exporten, in der Industrie sind sogar 52 Prozent der Unternehmen optimistisch. Besonders kräftige Impulse verspricht sich die Südwestwirtschaft aus Asien, aber auch die Nachfrage aus der Eurozone sowie aus Nordamerika wächst dynamisch. Die sich erholenden Schwellenländer Lateinamerikas sowie Russland haben begonnen, positive Signale zu senden. Lediglich die Absatzchancen im Vereinigten Königreich werden angesichts der fortbestehenden Unsicherheit über die künftigen Spielregeln im Handel zwischen Großbritannien und der Europäischen Union skeptisch bewertet.
Das rege Auslandsgeschäft schiebt die Südwestkonjunktur jedoch nicht allein an, auch die Inlandsnachfrage trägt ihr Scherflein dazu bei. Die unverändert expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, die kontinuierlich steigende Beschäftigung sowie die anhaltend positive Einkommensentwicklung in Deutschland halten sowohl den Boom des privaten Wohnungsbaus als auch den Anstieg des privaten Konsums am Leben. Als zusätzliche Stütze der Inlandsnachfrage sind in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres die sich belebenden Inlandsinvestitionen hinzugekommen.

Steigende Investitionen mehren die Zuversicht

Derzeit planen 41 Prozent der Unternehmen, ihre Ausgaben für Investitionen in Deutschland in diesem Jahr zu erhöhen, das sind vier Prozentpunkte mehr als im Herbst bzw. neun Prozentpunkt mehr als zu Beginn des vergangenen Jahres. Notwendige Ersatzinvestitionen wollen die Betriebe insbesondere für die Implementierung von Innovationen, die Erweiterung ihrer Kapazitäten, Rationalisierungsmaßnahmen sowie das Vorantreiben der Digitalisierung nutzen. Von der zunehmenden Investitionsdynamik profitieren vor allem die Investitionsgüterhersteller aus dem Maschinenbau, der Elektrontechnik oder der Metallverarbeitenden Industrie, deren Know How, Produkte, Komponenten und Systeme bei vielen Investitionsprojekten benötigt werden. So ist der Indikator für Auftragseingänge aus dem Inland in der Elektrotechnik innerhalb eines Jahres von 20 auf 36 Punkte bzw. um den Faktor 1,8 gestiegen, im Maschinenbau hat sich der Indikator verdoppelt, in der Metallverarbeitung 2,4mal so hoch wie zuvor.

Die Belebung der Investitionen im Inland puscht somit die Inlandsnachfrage, der Aufschwung hat begonnen, sich selbst zu verstärken. Zudem wird der Aufschwung dadurch weniger verwundbar gegenüber vereinzelten Nachfragerückgängen in einzelnen Branchen oder Regionen. Diese Robustheit bestärkt die meisten Unternehmen aus Baden-Württemberg darin, dass sich ihre Geschäfte in diesem Jahr auf sehr hohem Niveau halten (57 Prozent) oder sogar weiter verbessern (36 Prozent) werden. Mit einer negativen Entwicklung rechnen nur gut sechs Prozent der Betriebe. Damit haben sich die Geschäftserwartungen gegenüber dem Herbst nochmals verbessert, trotz des hohen Ausgangsniveaus. Der Aufschwung setzt sich weiter fort.

Arbeitsmarkt: Mit dem Personalbedarf nehmen auch die Engpässe weiter zu

Abgesehen von minimalen saisonalen Schwankungen hält der kontinuierlich Anstieg der Beschäftigung auch im achten Jahr des Aufschwungs weiter an. So haben die Unternehmen Baden-Württemberg zwischen November 2016 und November 2017 zusätzlich knapp 115.000 Personen eingestellt, die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nahm damit um 2,5 Prozent zu. Viele Betriebe hätten vermutlich gern noch mehr Fachkräfte eingestellt, wenn mehr dem Bedarf entsprechend qualifiziertes Personal verfügbar wäre. So sackte die Arbeitslosenzahl im November 2017 erstmals unter 200.000, im Jahresdurchschnitt ist sie gegenüber dem Vorjahr jedoch nur um knapp 14.000 Personen zurückgegangen. Die unbefriedigte Nachfrage der Betriebe, gemessen anhand der bei den Arbeitsagenturen sozialversicherungspflichtigen offenen Stellen schnellte dagegen um 10.000 bzw. gut elf Prozent auf fast 100.000 Stellen nach oben, die etwa die Hälfte des tatsächlichen Bedarfs abdecken.
Diese Entwicklung dürfte sich in den kommenden Monaten weiter zuspitzen. Der Anteil der Unternehmen, denen die unzureichende Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften immer tiefere Sorgenfalten auf die Stirn treibt, nimmt kontinuierlich zu: Zu Jahresbeginn nannten 64 Prozent der Betriebe den Fachkräftemangel als Geschäftsrisiko für das eigene Unternehmen. Vor Jahresfrist war erst jeder zweite Betrieb betroffen. Und der Bedarf der Südwestwirtschaft wächst weiter. 30 Prozent der Unternehmen wollen 2018 zusätzliche Stellen schaffen, 60 Prozent wollen ihre Belegschaftsstärke nicht verändern und nur jeder zehnte Betrieb will mit weniger Personal auskommen. 


Der Blick in die Branchen:


Industrie Drehzahl nochmals erhöht

Um mit der dynamischen Nachfrage aus dem In- und Ausland Schritt halten zu können, hat die Industrie ihren Output erneut erhöht. Die Zufriedenheit hat ein neues Allzeithoch erreicht.  Immer mehr Unternehmen erreichen ihre Kapazitätsgrenzen, so dass sich die Lieferzeiten verlängern. Da der Einstellung zusätzlicher Fachkräfte angebotsseitig enge Grenzen gesetzt sind, steigt in der Folge die Neigung, durch zusätzliche Investitionen Rationalisierungspotenziale zu erschließen oder die Kapazitäten zu erweitern. Das führt insbesondere den Maschinenbauer zu noch volleren Auftragsbüchern.


Bauwirtschaft: Stabil auf höchstem Niveau

Gestützt auf eine rege Nachfrage im privaten Wohnungsbau sowie im gewerblichen Hochbau laufen die Geschäfte am Bau weiterhin rund. 71 Prozent der Betriebe melden eine gute Lage, nur einem Prozent geht es schlecht. 85 Prozent der Betriebe gehen davon aus, dass sich der Boom in diesem Jahr auf vergleichbarem Niveau fortsetzen wird, 13 Prozent erwarten Verbesserungen und nur ein Prozent ist pessimistisch. Die steigende Bauproduktion lässt den Fachkräftebedarf weiter zunehmen. Fast vier von fünf Betrieben befürchten jedoch, diesen angesichts wachsender Engpässe nicht decken zu können.


Handel: Gestiegene Zufriedenheit

Mit der Zahl der Händler, die in den vergangen Monaten höhere Umsätze erzielen konnten, ist auch die Zufriedenheit mit der aktuellen Geschäftslage deutlich gestiegen. Der Großhandel ist dank steigender Bestelleingänge zur Hochstimmung vom Frühsommer letzten Jahres zurückgekehrt. Er rechnet mit weiteren Zuwächsen und will zusätzliches Personal einstellen. Auch im Einzelhandel gibt es wieder mehr Betriebe mit positivem Geschäftsverlauf. Angesichts einer leichten Kaufzurückhaltung ihrer Kundschaft, hoffen vier von fünf Einzelhändlern, das erreichte Umsatzniveau zumindest halten zu können.


Metallindustrie schaut mit breiter Brust nach vorn

Die Produkte der Metallerindustrie bleiben weiterhin weltweit sehr gefragt. 62 Prozent der Unternehmen melden gestiegene Inlandsumsätze, 59 haben höhere Erlöse im Ausland erzielt. Als Zulieferer der Investitionsgüterhersteller profitieren viele Metallbetriebe von der wachsenden Investitionsdynamik. Auf hohem Niveau ist die Zufriedenheit in der Metallindustrie folglich erneut gestiegen. Zunehmend vollere Auftragsbücher lassen die Branche optimistisch nach vorn schauen. Dabei rechnen die Unternehmen mit besonders kräftigen Impulsen aus dem Inland sowie aus Asien und der Eurozone.


Dienstleister setzen Höhenflug fort

Die Zufriedenheit der Dienstleister hat seit letztem Herbst weiter zugenommen und markiert ein erneutes Allzeithoch. Insbesondere die Anbieter von Beratungs-, Immobilien- und ITK-Serviceleistungen boomen, aber auch die Dienste des Verkehrsgewerbe und der Gastronomie bleiben gefragt. Trotz des sehr hohen Ausgangsniveaus ist die Zahl der Optimisten in den meisten Servicezweigen weiter gestiegen. Lediglich die Finanzdienstleister und die Werbebranche hegen verhaltene Erwartungen. Hauptsorge der  zuversichtlichen Dienstleistungszweige sind dagegen zunehmende Fachkräfteengpässe.


Gastgewerbe: Steigende Gästezahlen heben die Stimmung

Nach einem erneuten Rekordjahr mit 42,9 Millionen Übernachtungen startet das Hotel- und Gaststättengewerbe gut gelaunt ins Jahr 2018. 56 Prozent der Unternehmen melden eine gute aktuelle Lage, 42 Prozent bewerten ihre Situation als befriedigend und nur gut zwei Prozent haben Grund zur Klage. Die Mehrheit der Betriebe rechnet für die kommenden Monate mit anhalten guten Geschäften, wobei die Zahl der Optimisten unter den Gastronomen leicht höher ausfällt als bei den Hoteliers. Die größten Sorgen bereitet der Branche der akute Fachkräftemangel, vier von fünf Betrieben sind betroffen.



Baden-Württembergischer Industrie- und Handelskammertag
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