Die Unsicherheit bleibt, der Aufschwung auch

19. Mai 2017, von: BWIHK-Tag

Konjunkturbericht für Baden-Württemberg, Mai 2017


Allen Unwägbarkeiten zum Trotz läuft die Südwestkonjunktur auch im Frühsommer 2017 weiterhin rund. Bislang haben weder die Wahlerfolge von Populisten in den USA und vielen Ländern Europas, der bevorstehende Brexit, noch die geopolitischen Konfliktherde (Ukraine, Irak, Syrien) oder die latente Gefahr von Terroranschlägen die wirtschaftliche Entwicklung Baden-Württembergs beeinträchtigen können. Die Nachfrage nach den hiesigen innovativen, qualitativ hochwertigen Produkten und Dienstleistungen hat in den vergangenen Monaten auf hohem Niveau weiter zugenommen. Dies beschert vielen Unternehmen neben einer hohen Auslastung ihrer Kapazitäten steigende Umsätze und eine verbesserte Gewinnlage. Der Anteil an Betrieben, die ihre aktuelle Situation als gut einschätzen, ist deshalb zum dritten Mal in Folge gestiegen – von 38 Prozent im 1. Quartal 2016 auf aktuell 58 Prozent. Schlecht geht es nur noch vier Prozent der befragten Betriebe;  vor einem Jahr waren sechs Prozent der Unternehmen unzufrieden. Damit bewertet die Wirtschaft Baden-Württembergs ihre aktuelle Lage positiver denn je.

Am derzeitigen Aufschwung haben alle Branchen teil. Die Zufriedenheit hat sich dabei in der Industrie am kräftigsten erhöht, aber auch der Handel meldet eine merklich und die Dienstleister eine leicht verbesserte aktuelle Lage. Lediglich die Bauwirtschaft konnte ihr überragendes Niveau vom Jahresbeginn nicht ganz halten. Trotzdem bleibt die Bauwirtschaft die Branche mit der am höchsten ausgeprägten Zufriedenheit. Das ergibt die aktuelle Konjunkturumfrage des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK) im Frühsommer 2017, an der sich rund 4.000 Unternehmen aus allen Branchen, Größenklassen und Landesteilen beteiligt haben.
Nachfragebelebung gewinnt deutlich an Breite

Der aktuelle Trend bei Auftragseingängen deutet darauf hin, dass der positive Nachfragetrend in den kommenden Monaten weiter an Breite gewinnen wird. Die Zahl der Unternehmen mit steigenden Auftrags- bzw. Bestelleingängen ist von 33 Prozent zu Jahresbeginn auf aktuell 41 Prozent gestiegen. Der Anteil von Betrieben, die mit einer sinkenden Nachfrage zu kämpfen haben, ist um vier Prozentpunkte auf acht Prozent zurückgegangen. Stabilisiert wird die Inlandsnachfrage durch weiterhin boomende Bauinvestitionen sowie robusten privaten Konsum, der durch steigende Beschäftigtenzahlen, die niedrigen Zinsen sowie die positive Einkommensentwicklung der privaten Haushalte gestützt wird.

Zunehmend an Schwung gewonnen hat in den letzten Monaten auch die Nachfrage aus dem Ausland. Die Weltwirtschaft erlebt einen leichten Aufschwung, der viele Länder mitnimmt. Aufwärts geht es in Asien, Amerika und Europa sowie in vielen Schwellenländern. Zudem beflügelt der relativ schwache Euro Exporte in den Dollarraum. Deshalb erwarten von allen befragten auslandsorientierten Unternehmen 42 Prozent steigende Exporte. Jeder zweite Betrieb verspricht sich in etwa gleichbleibende Auslandserlöse und nur acht Prozent befürchten Rückschläge. Die Südwestindustrie erwartet vor allem wachsende Impulse aus ihren asiatischen Märkten, aber auch mit einer zunehmenden Nachfrage aus der sich weiter stabilisierenden Eurozone wird gerechnet. Die Zahl der Exportoptimisten mit Blick auf Nordamerika hat zwar etwas nachgelassen, jedoch ohne dass sich die Zuversicht in Summe merklich reduziert hat. Von der Nachfrage aus Lateinamerika und Russland versprechen sich die meisten Betriebe eher geringe Impulse. Auch in Bezug auf das Vereinigte Königreich wirft der Brexit bereits seine Schatten voraus: Die Skepsis der Südwestindustrie hat weiter zugenommen.

Chancen größer als Risiken

Die anhaltende Nachfragebelebung lässt die baden-württembergische Wirtschaft ihre Chancen zunehmend höher einschätzen als Risiken und somit zuversichtlicher nach vorn schauen. In diesem Zuge ist die Zahl der Optimisten gegenüber Jahresbeginn um knapp vier Prozentpunkte auf 34 Prozent gestiegen. 58 Prozent der Betriebe hoffen, dass sie ihre Geschäfte auf dem erreichten hohen Niveau halten werden – ein Rückgang um drei Prozentpunkte. Der Pessimisten-Anteil ist aber ebenfalls zurückgegangen und von neun auf acht Prozent gesunken. Der Sieg des europafreundlichen Macron über seine europafeindliche Konkurrentin Le Pen in den französischen Präsidentschaftswahlen – die erst nach Abschluss der aktuellen Konjunkturumfrage stattgefunden haben – dürfte der Zuversicht in der Baden-Württembergischen Wirtschaft zusätzlichen Auftrieb verleihen.
Entsprechend positiv fallen auch Pläne für Inlandsinvestitionen aus. Etwas mehr als ein Drittel der Unternehmen hat sein Budget für Investitionen in Deutschland aufgestockt und nur gut jeder neunte Betrieb will weniger als im Vorjahr im Inland investieren. Notwendige Ersatzinvestitionen wollen hiesige Unternehmen dabei vor allem für die Umsetzung von Innovationen, Rationalisierungsmaßnahmen sowie eine Erweiterung der Kapazitäten nutzen.

Arbeitsmarkt: Stabiler Aufwärtstrend

Südwestunternehmen stellen auch im siebten Jahr in Folge zusätzliches Personal ein. Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit nahm die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zwischen Februar 2016 und Februar 2017 um 105.900 Personen bzw. 2,4 Prozent auf nun über 4,52 Millionen Beschäftigte zu. Damit hat sich die Beschäftigungsentwicklung gegenüber Herbst sogar noch etwas beschleunigt. Dabei nahm die Beschäftigung in allen Wirtschaftszweigen zu: Um 2,8 Prozent im Service, 1,8 Prozent in der Industrie sowie 1,1 Prozent in der Land- und Forstwirtschaft.
Zwar speist sich der Beschäftigungsanstieg überwiegend aus stiller Reserve sowie der Zuwanderung aus anderen Bundesländern und aus dem Ausland, trug jedoch auch zum weiteren Abbau von Arbeitslosigkeit im Land bei: Diese ging im April 2017 gegenüber des selben Vorjahresmonats um fast 12.500 auf 215.700 Personen zurück. Im Ergebnis bleibt Baden-Württemberg mit einer Arbeitslosenquote von 3,6 Prozent nach Bayern (3,2 Prozent) das Bundesland mit der geringsten Arbeitslosigkeit in Deutschland.

Der Arbeitsmarkt im Südwesten dürfte sich auch in den nächsen Monaten weiter positiv entwickeln. Darauf deuten die leicht ansteigenden Beschäftigungspläne der Unternehmen hin. Der Anteil von Betrieben, die ihre Belegschaften vergrößern wollen, stieg um einen Prozentpunkt auf gut 26 Prozent. Personal abbauen wollen lediglich elf Prozent der Unternehmen, ein Prozent weniger als zu Beginn des Jahres. Merklich fällt es einer stetig steigenden Zahl von Unternehmen immer schwerer, geeignete Fachkräfte zu finden. Mittlerweile 55 Prozent der Betriebe bereiten die zunehmenden Personalengpässe Sorgen.


Der Blick in die Branchen:


Industrie schaltet einen Gang hoch

Die Industriekonjunktur nimmt weiter Fahrt auf. Zunehmende Auftragseingänge, höhere Umsätze sowie eine verbesserte Ertragslage in einer deutlich gestiegenen Zahl von Unternehmen lassen die aktuellen Lageurteile der Südwestindustrie so gut ausfallen, wie seit Wiedervereinigungsboom nicht mehr. Auch der Blick nach vorn fällt nochmals optimistischer aus. Neben einer kräftigen Inlandsnachfrage schüren positive Absatzperspektiven, vor allem in Asien, in der Eurozone und in Nordamerika, die Zuversicht. Folglich sollen Inlandsinvestitionen wie auch Personalbestand steigen.


Bauwirtschaft surft weiter auf Konjunkturwelle

Die Nachfrage nach Bauleistungen hat nochmals angezogen. Nur noch vier Prozent der Unternehmen klagen über Auftragsrückgänge, was acht Prozentpunkte weniger als zu Jahresbeginn bedeutet. Fast jeder dritte Betrieb profitiert nun von einer steigenden Nachfrage – zuvor erst jeder fünfte. Jedoch kann diese Entwicklung die hervorragende Stimmung am Bau nicht noch weiter verbessern. Angesichts ausgelasteter Kapazitäten und akutem Mangel an fachkundigem Personal rechnet der Bau nur mit leichten Zuwächsen in den kommenden Monaten. Auch die Fertigstellung der eingehenden Aufträge wird sich verzögern.


Handel: Zuversichtlicher Blick nach vorne

Die Erwartungen an das Jahr 2017 haben sich für den Handel bislang erfüllt. Der Großhandel meldet gestiegene In- und Auslandsumsätze wie auch eine verbesserte Ertragslage. Da die Nachfrage zudem weiter an Dynamik gewinnt, blickt der Großhandel noch optimistischer nach vorn. In einer befriedigenden bis guten Lage befinden sich auch die meisten Einzelhändler, jedoch haben nur wenige Betriebe ihre Situation verbessern können. Dank nachlassender Kaufzurückhaltung hat sich die Stimmung jedoch auch im Einzelhandel verbessert. Investitions- und Beschäftigungsabsichten bleiben aufwärts gerichtet.


Produktionsverbindungshandel im Stimmungshoch

Das rund laufende Business mit seinen überwiegend geschäftlichen Kunden aus Industrie, Bau und Gastgewerbe bescheren dem produktionsverbindenden Großhandel einen dynamisch positiven Konjunkturverlauf. Zwei Drittel der Betriebe bewerten ihre aktuelle Lage als gut, ein Anstieg um 13 Prozent gegenüber Jahresbeginn. Schlecht geht es nur noch zwei Prozent – eine Halbierung, denn zu Jahresbeginn waren es noch vier Prozent. Kräftig gestiegene Bestellungen schüren den Optimismus im Produktionsverbindungshandel. Dabei rechnen deutlich mehr Betriebe mit steigendem Absatz im Inland als im Ausland.


Dienstleistungen: Der Höhenflug setzt sich fort


Weiter steigende Umsätze, zufriedenstellende Erträge sowie eine lebhafte Nachfrage halten die Stimmung im Servicegeschäft auf hohem Niveau. Dank Bauboom und mangelnder Anlagealternativen laufen die Geschäfte der Immobilienwirtschaft weiterhin bestens. Aber auch ITK- und Beratungsdienste bleiben gefragt. Die Mehrheit der Dienstleister rechnet mit einer Fortsetzung des Höhenfluges, ohne jedoch weitere kräftige Zuwächse zu erwarten. Die Investitions- und Beschäftigungsabsichten bleiben positiv, jedoch bremst Fachkräftemangel in sechs von zehn Unternehmen den Personalaufbau.


Gastgewerbe: Leichte Delle auf sehr hohem Niveau

Während die Hoteliers eine unverändert gute Lage melden, ist die Zufriedenheit der Gastronomen im Vergleich zum sehr hohen Niveau vom Jahresbeginn etwas zurückgegangen. Steigende Kosten – insbesondere trägt hier die zunehmend schwierigere Fachkräftesuche zum Anstieg der Arbeitskosten bei – sowie nachlassende Umsatz- und Nachfragedynamik haben die Zufriedenheit leicht reduziert. Die Mehrzahl der betroffenen Restaurants und Cafés rechnet jedoch damit, die leichte geschäftliche Delle alsbald wieder ausbügeln zu können. Das Hotelgewerbe geht von einem konstant guten Geschäftsverlauf aus.



Baden-Württembergischer Industrie- und Handelskammertag
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