Robuster Aufwärtstrend, zunehmende Risiken

16. Mai 2018, von: BWIHK-Tag

Konjunkturbericht für Baden-Württemberg, Mai 2018

Die Wirtschaft Baden-Württembergs steht im Frühjahr 2018 hervorragend da. Die Nachfrage aus dem In- und Ausland legt kontinuierlich zu. Trotz einer merklichen Erhöhung der Produktion füllen sich die Auftragsbücher weiter. Die Umsätze sprudeln und die Zufriedenheit der Betriebe mit ihrer Gewinnentwicklung befindet sich auf hohem Niveau. Folglich bewerten 60 Prozent der Unternehmen ihre aktuelle Lage als gut. Das ist zwar ein Rückgang um drei Prozentpunkte gegenüber dem Rekordhoch vom Jahresbeginn, jedoch der zweithöchste Wert der letzten 25 Jahre. Befriedigend laufen die Geschäfte für gut 36 Prozent der Betriebe (Jahresbeginn: 34 Prozent) und nur knapp vier Prozent befinden sich in einer schlechten Lage, ein Prozentpunkt mehr als vor vier Monaten. 

Angetrieben wird die Konjunktur von der Industrie, den wirtschaftsnahen Dienstleistungen sowie der Bauwirtschaft, der es noch nie besser ging. Das historisch niedrige Zinsniveau beflügelt den privaten Wohnungsbau, die gute Konjunktur den gewerblichen Hochbau. Eine rege Auslandsnachfrage sowie die steigende Investitionstätigkeit in Deutschland lassen die hiesige Industrie am Limit ihrer Kapazitäten produzieren. Auch die Dienste der Ingenieurs- und Architekturbüros, der rechtlichen und kaufmännischen Berater, der IKT-Dienstleister sowie des Straßengüterverkehrs bleiben gefragt.

Kurz gesagt, der Aufschwung setzt sich weiter fort und geht in eine konjunkturelle Hochphase über. Das ergibt die aktuelle Konjunkturumfrage des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK), an der sich 3.731 Unternehmen aus allen Branchen, Größenklassen und Landesteilen beteiligt haben.

Ungebrochene Zuversicht

Die ökonomischen Rahmenbedingungen für eine Fortsetzung des Aufschwungs der Südwestwirtschaft bleiben günstig. Zwar könnte die Wachstumsdynamik der wichtigsten Handelspartner in den kommenden Monaten etwas nachlassen, jedoch wird das Auslandsgeschäft eine wichtige Triebfeder des Aufschwungs bleiben. Die Zahl der Exportoptimisten ist gegenüber dem Jahresauftakt nur um zwei Punkte auf 44 Prozent zurückgegangen. Lediglich acht Prozent rechnen mit fallenden Exporten. Besonders kräftige Nachfrageimpulse werden aus Asien und der Eurozone erwartet. Auch in Bezug auf das Nordamerikageschäft herrscht Zuversicht, auch wenn die Zahl der Optimisten rückläufig ist. 

Die bisherigen inländischen Konjunkturstützen, der private und öffentliche Konsum sowie der boomende Wohnungsbau, die in den vergangenen fünf Jahren merklich zum Aufschwung beigetragen haben, werden der Südwestwirtschaft auch in den kommenden Monaten Auftrieb verleihen. Zudem hat die Südwestwirtschaft durch die merkliche Belebung der Unternehmensinvestitionen zusätzlich an Robustheit gewonnen. Knapp 40 Prozent der Unternehmen wollen 2018 mehr in Deutschland investieren als 2017, 49 Prozent in etwa gleichviel. Zwölf Prozent der Betriebe haben ihr

Investitionsbudget für dieses Jahr gekürzt.

Insgesamt schlagen sich die Auftriebskräfte in einer anhaltend regen Nachfragedynamik nieder. Vier von zehn Unternehmen registrieren steigende Auftragseingänge, nur jeder elfte Betrieb beklagt eine gegenteilige Nachfrageentwicklung. Das lässt die Südwestwirtschaft weiterhin optimistisch nach vorn blicken, auch wenn die zuletzt wieder steigenden Konjunkturrisiken leicht am Selbstvertrauen nagen.

Damoklesschwert Protektionismus 

Mit dem Beschluss von US-Präsident Trump, auf Stahl und Aluminium Importzölle zu erheben und die EU nur vorübergehend davon auszunehmen –  nach der jüngsten Verlängerung bis Ende Mai 2018 –  und der Androhung weiterer protektionistischer Maßnahmen, haben sich die politischen Rahmenbedingen für einen weiterhin kräftigen Aufschwung merklich eingetrübt. Sollte keine Einigung zwischen der EU und den USA zustande kommen und die Zölle auf Stahl- und Aluminiumimporte aus der EU in Kraft treten, könnte die EU mit Strafzöllen auf US-Produkte reagieren. Eine Eskalation des Handelsstreits würde die Südwestwirtschaft, deren wichtigstes Handelspartnerland die USA sind, nicht unbeeindruckt lassen. Das Expansionstempo der Wirtschaft dürfte sich merklich abschwächen.

Die Unternehmen aus Baden-Württemberg scheinen bislang jedoch darauf zu bauen, dass sich in diesem Handelsstreit doch noch die Vernunft durchsetzen wird. Statt sich gegenseitig mit steigenden Zöllen zu belegen und den ökonomischen Aufwärtstrend abzuwürgen, könnte die Gelegenheit dazu genutzt werden, Handelsbarrieren zwischen den USA und der EU zur Zufriedenheit beider Parteien abzubauen. 

Arbeitsmarkt: Beschäftigung und Engpässe nehmen zu

Der Personalbedarf der Unternehmen in Baden-Württemberg kennt seit Jahren nur eine Richtung: Aufwärts. So ist nach den vorläufigen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten zwischen Feburar 2017 und Februar 2018 im Südwesten um 2,6 Prozent beziehungsweise 116.418 Personen auf 4,635 Millionen Beschäftigte gestiegen. So hoch war die Beschäftigtenzahl in einem Februar noch nie. 

Die Arbeitlsosen konnten davon nur zum Teil profitieren, da ihre Qualifikationen häufig nicht zu den Anforderungen der Unternehmen passen. Ihre Zahl ist innerhalb eines Jahres um 18.863 Personen oder knapp neun Prozent auf 196.836 Arbeitslose (April 2018) gesunken. Der Missmatch trägt neben dem wachsenden Bedarf der Unternehmen dazu bei, dass die Vakanzen zunehmen. Die Zahl der offenen Stellen ist in zwölf Monaten um 13 Prozent auf über 107.000 offene sozialversicherungspflichtige Stellen (Stand April 2018) nach oben geschnellt. Offensichtlich wird es für die Unternehmen zunehmend schwerer, ihre offenen Stellen zu besetzten. 

Daran wird sich auch in den kommenden Monaten kaum etwas ändern. Zum einen sehen 63 Prozent der Unternehmen im Fachkräftemangel ein bedeutendes Geschäftsrisiko. Zum anderen bleibt der Personalbedarf ansteigend: 28 Prozent der Betriebe wollen ihre Belegschaften in den kommenden zwölf Monaten aufstocken, 62 Prozent wollen ihre Beschäftigtenzahl in etwa konstant halten und nur elf Prozent wollen künftig mit weniger Personal auskommen.


Der Blick in die Branchen:


Industrie: Nachfrage verliert etwas Schwung

Die Südwest-Industrie steht weiterhin voll im Saft. Zwar hat die Nachfrage aus dem In- und Ausland leicht an Schwung verloren. Angesichts sich weiter füllender Auftragsbücher trübt das jedoch nicht allzu sehr die Stimmung. Die Impulse aus Asien, der Eurozone und Nordamerika bleiben kräftig, genauso wie die Binnennachfrage. Dem aufkeimenden Protektionismus zum Trotz, bleiben die Erwartungen zuversichtlich. Offensichtlich vertraut die Industrie darauf, dass es beim Säbelrasseln bleibt und im eigenen Interesse der beteiligten der Handelsstreit nicht weiter eskaliert.


Bauwirtschaft: Hohe Zufriedenheit

Die Bauwirtschaft in Baden-Württemberg hat weiterhin volle Auftragsbücher. Sie muss ihre letzten Reserven mobilisieren, um mit einer steigenden Bauproduktion die höhere Nachfrage weiterhin in angemessener Zeit befriedigen zu können. Der Mangel an qualifizierten Bauarbeitern, acht von zehn Bauunternehmen sind betroffen, bremst jedoch die Expansionsmöglichkeiten. Folglich rechnet nur jeder achte Betrieb damit, seine Performance weiter verbessern zu können. 85 Prozent der Unternehmen rechnen mit gleich gut laufenden Geschäften, pessimistisch sind nur vier Prozent


Handel: stabiler Aufwärtstrend

Zwar schwankt die Stimmung unter den Händlern im Jahresverlauf ein wenig, der positive Trend auf hohem Niveau bleibt jedoch intakt. Während die Großhändler eine unverändert positive Lage melden, insbesondere der industrie- und baunahe Großhandel boomt, sind die Einzelhändler aufgrund einer nachlassenden Umsatzdynamik nicht mehr ganz so zufrieden wie noch zu Jahresbeginn. Die positive Tendenz bei den Bestelleingängen lässt den Blick nach vorn im Großhandel zuversichtlicher ausfallen als im Einzelhandel. Auch der Kfz-Einzelhandel äußert deutlich zurückhaltendere Erwartungen.


Straßengüterverkehr auf der Überholspur

Transportdienstleistungen bleiben im Südwesten auch im Frühsommer 2018 gefragt. Dabei haben die Umsätze im Straßengüterverkehr zuletzt insbesondere bei den grenzüberschreitenden Verkehren spürbar zulegen können. Zwar belasten die Mautgebühren, steigende Arbeitskosten sowie die teilweise mangelhafte Infrastruktur die Betriebe, trotzdem ist es gut neun von zehn Unternehmen gelungen, befriedigende bis gute Erträge einzufahren. Die jüngste Nachfragebelebung schlägt sich positiv auf die Erwartungen für die kommenden Monate nieder. Der akute Fahrermangel bremst jedoch die Euphorie. 


Dienstleistungen aus dem Süden bleiben gefragt

Verbesserte Geschäfte melden aktuell die technischen Berater sowie die Personaldienstleister, in allen anderen Servicebranchen fällt die Zufriedenheit im Vergleich zum Lagerekord vom Jahresauftakt etwas geringer aus. Steigende Auftragsvolumina lassen viele Unternehmen des Sektors weiterhin optimistisch nach vorn schauen. Insbesondere der ITK-Service sowie die kaufmännischen und technischen Berater rechnen mit kräftig steigenden Umsätzen. Aber auch die anderen Servicebranchen sind zuversichtlich. Die Investitions- und Beschäftigungsneigung bleibt aufwärts gerichtet.


Gastgewerbe: Gute Geschäfte - aber wenig Dynamik

Die Gastronomen sind seit zwei Jahren mit dem Verlauf ihrer Geschäfte auf hohem Niveau überwiegend zufrieden. Aktuell bewertet gut die Hälfte der Unternehmen ihre Lage als gut, 43 Prozent als befriedigend, nur sechs Prozent haben Grund zur Klage. Die meisten Hotels und Gaststätten sind zuversichtlich, dass auch künftig viele Gäste in ihre Lokale und Herbergen kommen werden. Sorgen bereitet der eklatante Personalmangel. Sechs von zehn Gastronomen wollen den anfallenden Ersatzbedarf für Investitionen in Innovationen, Digitalisierung, Umweltschutz und Rationalisierung nutzen.



Baden-Württembergischer Industrie- und Handelskammertag
Federführung Volkswirtschaft
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