Aufwärts mit Risiken

22. Oktober 2015, von: BWIHK-Tag

Konjunkturbericht für Baden-Württemberg, Oktober 2015

Die Südwestwirtschaft befindet sich im Herbst 2015 weiterhin auf einem stabilen, jedoch nicht allzu steilen Aufwärtspfad. Zwar hat die merkliche Belebung der Nachfrage nach Produkten und Diensten aus dem Südwesten vom Frühsommer die konjunkturelle Dynamik nicht dauerhaft erhöhen können, jedoch beschert sie einer wachsenden Zahl von Betrieben inzwischen höhere Umsätze und stabilere Erträge. Dies trägt zu deren Zufriedenheit mit dem Verlauf der eigenen Geschäfte bei. So fällt die Bewertung der aktuellen Lage trotz des bereits erreichten hohen Niveaus nochmals minimal besser aus. Wie schon im Frühsommer klagen derzeit nur sechs Prozent der Unternehmen über schlecht laufende Geschäfte. Der Anteil der Betriebe, denen es gut geht, ist um einen Prozentpunkt auf 50 Prozent gestiegen. Das zeigt die aktuelle Konjunkturumfrage des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags, an der sich knapp 3.900 Unternehmen aus allen Branchen, Größenklassen und Landesteilen beteiligt haben.


Nachfrage verliert an Schwung

In den vergangenen Monaten ist es den auslandsorientierten Unternehmen Baden-Württembergs stets gelungen, trotz zahlreicher internationaler Konflikte und Krisen, den Absatz ihrer Produkte und Dienste zu steigern. Nach dem sanktions- und rezessionsbedingten Ausfall Russlands als Impulsgeber und der anhaltenden Schwäche vieler Schwellenländer, führen die jüngsten Börsenturbulenzen in China sowie die mit dem anstehenden Strukturwandel verbundenen geringeren Wachstumsraten der chinesischen Wirtschaft zumindest zu einer gewissen Verunsicherung der hiesigen Exporteure. Zwar vertraut die Südwestwirtschaft, insbesondere ihre international hervorragend aufgestellte Industrie, auf ihre hohe Wettbewerbsfähigkeit, die es ihr ermöglicht, sich auch in einem schrumpfenden Markt zu behaupten, jedoch zeigt die aktuelle Tendenz der Auftragseingänge, dass die Zahl der Unternehmen, die weiterhin von einer steigenden Auslandsnachfrage profitieren können, seit dem Frühsommer abgenommen hat. Weiterhin kräftige Impulse verspricht sich die hiesige Wirtschaft dagegen von den USA und auch die anhaltende Erholung vieler Länder der Eurozone bietet steigende Absatzchancen. Die Südwestunternehmen rechnen daher für die kommenden zwölf Monate weiterhin mit steigenden Exporten, auch wenn die Zahl der Betriebe, die daran teilhaben werden, sich auf dem Rückzug befindet.

Tragende Säule dieser positiven konjunkturellen Entwicklung bleibt somit vor allem der private Konsum. Die anhaltend positive Beschäftigungsentwicklung führt nicht nur zu einem Anstieg des verfügbaren Einkommens, sondern erhöht auch die gefühlte Arbeitsplatzsicherheit und damit letztendlich auch die Bereitschaft der Beschäftigten, ihr Einkommen für kleinere und größere Anschaffungen zu verwenden. Auch die Kombination aus sehr niedrigem Zinsniveau und geringer Inflation stärkt den privaten Konsum. Zum einen schrumpft die Zinslast aus bestehenden Krediten, zum anderen sinkt die Attraktivität des Sparens. Eine geringe Inflation führt dazu, dass sich selbst kleinere prozentuale Lohnerhöhungen positiv auf die Kaufkraft der Lohnempfänger auswirken. Die Auftragseingänge bzw. die Umsatzerwartungen der stärker auf private Kunden ausgerichteten Branchen deuten darauf hin, dass der private Konsum auch in den kommenden Monaten weiterhin zum Wachstum der Südwestwirtschaft beitragen wird. So hat die Zahl der Konsumgüterhersteller, die eine steigende Nachfrage melden, deutlich zugenommen. Auch der Staat dürfte die Inlandsnachfrage insbesondere durch steigende Ausgaben für die Versorgung der immer zahlreicher nach Deutschland strömenden Flüchtlinge zusätzlich stützen.

Zögerlichere Investitionspläne

Die noch im Frühsommer bestehende Hoffnung, dass die Inlandsinvestitionen anziehen und die Konjunktur nachhaltig beleben könnten, besteht im Herbst nicht mehr. Insbesondere die gestiegene Verunsicherung über die künftige Entwicklung der Auslandsnachfrage hat die Zahl der Unternehmen, die ihre Investitionsausgaben erhöhen wollen, vor allem in der Industrie wieder merklich abnehmen lassen. So ist der IHK-Investitionsindikator in der Industrie von 23 auf 13 Punkte gesunken. Zwar dürften die Investitionen weiterhin leicht steigen, jedoch nicht stark genug, um die Südwestkonjunktur spürbar beschleunigen zu können.
Die insgesamt tendenziell reduzierten Wachstumsperspektiven spiegeln sich auch in den Geschäftserwartungen wider. Der Anteil der Optimisten ist von 33 Prozent im Frühsommer auf aktuell 28 Prozent zurückgegangen, die Zahl der Betriebe, die von gleich bleibenden Geschäften ausgehen, ist dagegen von 58 auf über 62 Prozent angestiegen. Pessimistisch blicken unverändert neun Prozent der Unternehmen nach vorn. Der moderate Aufschwung der Wirtschaft Baden-Württembergs dürfte sich in den kommen Monaten folglich fortsetzen.

Robuster Arbeitsmarkt

Abgesehen von saisonalen Schwankungen kennt die Beschäftigungsentwicklung in Baden-Württemberg seit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise nur noch eine Richtung: Nach oben! Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten stieg zwischen März 2010 und Juli 2015 um 479.000 bzw. elf Prozent auf 4.354.000 Personen. Davon entfiel auf die letzten zwölf Monaten (Juli 2014 bis Juli 2015) allein ein Plus von 98.000 Stellen (2,3 Prozent)

Obwohl die von den Betrieben geforderten Qualifikationen häufig nicht zu denen der Arbeitslosen passen, hat der Personalaufbau in den vergangenen zwölf Monaten zu einem deutlichen Rückgang der Arbeitslosenzahlen beitragen können: Ihre Zahl ging zwischen September 2014 und September 2015 um über 8.200 auf 58.200 Personen zurück. Die Beschäftigungsabsichten der Südwestwirtschaft deuten auf eine Fortsetzung des positiven Trends hin: Während zwei Drittel der Unternehmen ihre Belegschaften konstant halten wollen, planen mehr Betriebe (21 Prozent) einen Personalaufbau, als einen Abbau (13 Prozent). Es bestehen jedoch berechtigte Zweifel, ob die Unternehmen, die zusätzliche Fachkräfte benötigen, diese auch in ausreichender Zahl finden werden. Insgesamt haben 44 Prozent der Betriebe gewisse Zweifel. In den Branchen mit überdurchschnittlichem Personalbedarf bzw. hoher Personalfluktuation, ist der Anteil der Unternehmen, die im Fachkräftemangel ein Geschäftsrisiko sehen, noch sehr viel höher.


Der Blick in die Branchen:


Industrie: Umsatz gewinnt, Nachfrage verliert an Dynamik 

Dank der regen Nachfrage vom Frühsommer profitiert die Industrie aktuell von einem kräftigen Anstieg der Umsätze aus dem In- und Ausland. Die weiterhin positive Stimmung wird jedoch durch eine nachlassende Nachfragedynamik leicht getrübt. Mit anhaltend kräftigen Impulsen rechnen die meisten Betriebe vor allem aus den USA, aber auch die Eurozone verspricht gute Geschäfte. Der Optimismus in Bezug auf die Absatzchancen in Asien hat sich dagegen abgeschwächt. Folglich plant die Industrie nur noch mit konstantem Personalbestand und weniger expansiven Investitionsplänen.


Konsumgüterindustrie kommt langsam in Schwung

Die anhaltend positive Verbraucherstimmung im Inland und die Erholung der Eurozone beginnen sich für die Konsumgüterhersteller auszuzahlen: Auftragseingänge und Umsätze befinden sich im Aufwärtstrend. Folglich ist die Zufriedenheit der Branche mit dem Verlauf ihrer Geschäfte merklich gestiegen und hat im Herbst 2015 das hohe Zufriedenheitsniveau der anderen Industriezweige schon fast erreicht. Für die kommenden Monate rechnet die Konsumgüterindustrie mit einer etwas langsameren Gangart. Zuwächsen in Europa stehen schwierigere Geschäfte im restlichen Ausland gegenüber.


Bau: Anhaltender Höhenflug

Eine gestiegene Bauproduktion sowie eine verbesserte Ertragsentwicklung lässt die Bauwirtschaft ihre aktuelle Lage nochmals etwas besser bewerten als vier Monate zuvor. 57 Prozent der Betriebe geht es gut (plus drei Prozentpunkte). Der Anteil der unzufriedenen Bauunternehmen ist von zwei auf ein Prozent gesunken. Die große Mehrheit der Betriebe geht davon aus, dass sich dieser Höhenflug fortsetzen wird. Zwar nimmt die Nachfrage nach Bauleistungen niveaubedingt kaum noch zu, größeres Kopfzerbrechen bereitet fast zwei von drei Bauunternehmen hingegen der akute Fachkräfteengpass.


Kfz-Handel meldet deutlich verbesserte Lage

Nachdem sich die Geschäfte im Groß- und Einzelhandel lange Zeit gegenläufig entwickelt haben, laufen sie derzeit im Gleichklang: Gestiegene Umsätze und eine verbesserte Marge haben die Zufriedenheit in beiden Sparten ansteigen lassen. Angesichts eines mäßig steigenden Bestelleingangs im Großhandel sowie eines überwiegend saisonüblichen Kaufverhaltens im Einzelhandel, fällt der Blick nach vorn nur mäßig optimistisch aus. Dynamischer entwickeln sich die Geschäfte derzeit im Kfz-Handel, dem es gelungen ist, nach langer Durststrecke wieder zum restlichen Handel aufzuschließen.


Dienstleistungen: Stetiger Aufwärtstrend

Der Service bleibt auch im Herbst 2015 auf Erfolgskurs. Seine Dienste bleiben gefragt, die Umsätze steigen, die Erträge nehmen zu. Überdurchschnittlich gut geht es derzeit der Immobilienwirtschaft sowie der kaufmännischen und rechtlichen Beratung. Die Geschäftserwartungen fallen in allen Servicebranchen positiv aus, der Grad der Zuversicht ist jedoch recht unterschiedlich. Während die Hoteliers und Gastronomen eher von gleich bleibenden Geschäften ausgehen, sind die ITK-Dienstleister ausgeprägt optimistisch. Hauptsorge der meisten Dienstleister bleibt der Mangel an Fachkräften.


Gastgewerbe: Warmer Sommer lässt Umsätze sprudeln

Nach einem schwungvollen Start ins Jahr 2015 stockten im Frühjahr die Geschäfte vieler Hoteliers und Gastwirte. Der im Vergleich zu 2014 deutlich wärmere Sommer hat insbesondere die Hotels, Pensionen und Campingplätze in den Sommertourismusgebieten wie der Bodenseeregion jedoch mehr als entschädigt. Auch die Restaurants und Caterer konnten moderat steigende Umsätze verbuchen. Angesichts der guten Lage, rechnen die meisten Betriebe nicht mit weiteren Verbesserungen. Dafür würde den meisten Unternehmen auch das Personal fehlen, 68 Prozent sehen im Fachkräftemangel ein Risiko.



Baden-Württembergischer Industrie- und Handelskammertag
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