Frische Impulse bleiben aus

23. Mai 2019, von: BWIHK-Tag

Konjunkturbericht für Baden-Württemberg, Mai 2019


Die Weltwirtschaft hat in den vergangenen Monaten weiter an Dynamik verloren. Der weltweite Austausch von Waren und Dienstleistungen tritt inzwischen nur noch auf der Stelle, gebremst vor allem durch den von den USA ausgehenden Protektionismus. Zum einen zeigen die bereits verhängten Strafzölle zunehmend Wirkung, zum anderen droht eine weitere Eskalation der Handelskonflikte der USA mit China sowie mit der Europäischen Union. Insbesondere sind Strafzölle auf US-Automobilimporte aus Europa, die den stark in Baden-Württemberg vertretenen Fahrzeugbau hart treffen würde, noch nicht vom Tisch. Hinzu kommen weitere politische Unsicherheiten. Der Brexit wurde vertagt, ob er geregelt oder ungeregelt vollzogen wird, bleibt ungewiss. Nach dem einseitigen Ausstieg der USA aus dem Atomdeal mit dem Iran, wird der Ton zwischen den beiden Kontrahenten immer rauer. Auch andere Konfliktregionen (Ukraine, Nordkorea, Venezuela) belasten das Vertrauen der Unternehmen in die weitere weltwirtschaftlich Entwicklung und senken tendenziell die betriebliche Investitionsbereitschaft.

Dieser Entwicklung kann sich auch die Südwestwirtschaft nicht dauerhaft entziehen. Das zeigt die aktuelle Konjunkturumfrage des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK), an der sich 3.641 Unternehmen aus allen Branchen, Größenklassen und Landesteilen beteiligt haben. Die kräftig nachlassende Absatzdynamik drückt zunehmend auf die Stimmung. Zwar befindet sich die Zufriedenheit der Unternehmen mit ihrer aktuellen Situation weiterhin auf einem sehr hohen Niveau, jedoch ist sie gegenüber dem Jahresauftakt merklich zurückgegangen. Ihre Perspektiven für die kommenden Monate schätzt die Südwestwirtschaft nur noch verhalten zuversichtlich ein.


Nachlassende Nachfrageimpulse                                                                                                                       

Zwar hat die Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen aus Baden-Württemberg bereits in der zweiten Jahreshäfte 2018 begonnen, an Dynamik zu verlieren. Jedoch hatte das bis ins neue Jahr hinein lediglich bedeutet, dass das hohe Auftragsvolumen etwas langsamer anstieg als zuvor, die Auftragsbücher füllten sich weiter. Im Frühsommer 2019 bleiben frische Nachfrageimpulse jedoch für immer mehr Unternehmen aus. Der Anteil der Unternehmen, die weiterhin von einer steigenden Nachfrage profitieren können ist in den letzten vier Monaten von 29 auf 27 Prozent zurückgegangen. 49 Prozent der Betriebe melden stagnierende Orders, 24 Prozent klagen über sinkende Auftragseingänge, ein Anstieg um acht Prozentpunkte. Damit fällt die aktuelle Nachfragetendenz gesamtwirtschaftlich per Saldo nur noch ganz leicht positiv aus.

In der Industrie Baden-Württembergs hat die Nachfrage aus dem In- und Ausland dagegen vorerst den Rückwärtsgang eingelegt. Insbesondere die Herrsteller von Maschinen und Ausrüstungen sowie deren Zulieferer bekommen die nachlassende Investitionsdynamik im In- und Ausland zu spüren. Über ein Drittel der Unternehmen meldet schwindende Auftragseingänge, nur jeder fünfte Betrieb profitiert weiterhin von einer ansteigenden Nachfrage. Die eher binnen- und konsumorientierten Wirtschaftszweige können bislang diese negativen Nachfragetendenz kompensieren. Die positve Beschäftigungsentwicklung, kräftige Lohnsteigerungen, eine niedrige Inflationsrate, Steuer- und Abgabenentlastungen sowie eine Ausweitung der Transferleistungen lassen die Realeinkommen der Haushalte und damit den privaten Konsum steigen. Auch die Baukonjunktur, die zudem von den sehr niedrigen Zinsen profitiert, wird beflügelt.


Verhaltene Perspektiven                                                                                                                                         

Angesichts der genannten Konjunkturgefahren, zu denen noch die Sorge vieler Unternehmen über sich zuspitzende Fachkräfteengpässe sowie steigende Kosten addieren, fällt auch der Blick über die momentan schwächeren Nachfrageimpulse hinaus nur noch verhalten positiv aus. Mit einem Anteil von 25 Prozent ist die Zahl der Optimisten nur noch um sieben Prozentpunkte größer als die der Pessimisten. Positiv stimmt insbesondere, dass die Industrie trotz aktuell zurückgehender Auftragseingänge, nicht mit einem dauerhaften Nachfrageschwund rechnet. Sie geht davon aus, sowohl ihre Inlandsumsätze als auch ihre Exporte zumindest auf dem bisherigen sehr hohen Niveau halten zu können. Sollte der Brexit doch noch geregelt ablaufen oder abgeblasen werden, China und die USA sich über ihre künftigen Handelsbeziehungen einigen können und Strafzöllen auf deutsche Automobilexporte eine engültige Absage durch den US-Präsidenten erteilt werden, wären positive Überraschungen nicht auszuschließen. Solange scheint die Binnennachfrage stark genug zu sein, um das Wirtschaftswachstum in Baden-Württemberg nicht ganz zum Stillstand kommen zu lassen. Das bestätigen auch die etwas schwächeren aber weiterhin aufwärts gerichteteten Investions- und Beschäftigungpläne.


Arbeitsmarkt: Beschäftgigung nimmt langsamer zu                                                                                                        

Der Arbeitsmarkt Baden-Württembergs entwickeltet sich weiterhin sehr positiv, auch wenn er das Verbeserungstempo des Vorjahres derzeit nicht halten kann. Im Jahresdurchschnitt 2018 sank die Arbeitslosenzahl um 8,3 Prozent. Im April 2019 lag sie 4,2 Prozent niedriger als im gleichen Vorjahresmonat. Damit hat sich das Tempo des Rückgangs der Arbeitslosigkeit in etwa halbiert. Auf der einen Seite wird es immer schwieriger Arbeitslose in Beschäftigung zu bekommen, je weiter die Arbeitslosigkeit abnimmt, da die qualifizierten und leicht vermittelbaren Arbeitslosen längst ein Job gefunden haben. Mit einer Arbeitslosenquote von nur noch 3,1 Prozent nähert sich Der Südwesten der Vollbeschäftigung. Zum anderen bremsen sowohl die nachlassende konjunkturelle Dynamik als auch der zunehmende Fachkräftemangel den Beschäftigungsaufbau.

Die Beschäftigungspläne der Südwestunternehmen für die kommenden Monate zeigen an, dass die Mehrheit der Unternehmen vorerst mit in etwa konstanten Belegschaften zu Recht kommen will. Der Anteil der Personal aufbauenden Betriebe ist von 25 Prozent zu Jahresbeginn auf 20 Prozent zurückgegangen. Knapp 16 Prozent der Unternehmen will Stellen abbauen (Jahresbeginn 12 Prozent). Fachkräfteengpässe bereiten trotzdem sechs von zehn Betrieben weiterhin Sorgen. Denn viele Unternehmen suchen nach Ersatz für ausscheidende Fachkräfte, auch wenn sie derzeit keine zusätzlichen Stellen schaffen. Hinzu kommt, dass die Engpässe in den weiterhin boomenden Branchen wie am Bau oder im ITK-Service besonders hoch sind.


Der Blick in die Branchen:


Industrie: Sinkende Auftragseingänge drücken die Stimmung

Die Auftragsbücher der meisten Industrieunternehmen sind weiterhin gut gefüllt, die Produktion läuft auf hohem Niveau und die Kapazitätsauslastung ist weiterhin überdurchschnittlich. Trotzdem hat sich das Konjunkturklima in der Industrie stark  abgekühlt. Immer weniger Betriebe melden eine steigende Nachfrage und sprudelnde Umsätze. Dagen schnellt der Anteil der Unternehmen mit bröckelnder Nachfrage nach oben. Das schürt angesichts fehlender Impulse aus dem In- und Ausland, die Verunsicherung und dämpft die Erwartungen. Voerst wird einer erneuten Belebung gerechnet.


Bau: Zufriedenheit auf höchstem Niveau

Anders als in der Industrie ist in der Bauwirtschaft von Nachfrageausfällen oder Verunsicherung weiterhin nichts zu spüren. Baunachfrage und Bauproduktion steigen auf höchstem Niveau weiterhin an, die meisten Betriebe verdienen gut. Drei Viertel der Bauunternehmen meldet eine gut, ein Viertel eine befriedigende Lage, weniger als ein Prozent der Betriebe ist unzufrieden. Angesichts der anhaltend günstigen Finanzierungsbedingungen und einem hohen Immobilienbedarf rechnet der Bau mit einer Fortsetzung des Booms. Lediglich der akute Fachkräftemangel bremst die Expansion.


Konsumnachfrage stabilisert den Handel

Der Handel bleibt insgesamt zufrieden. Zwar bremst die schwächelnde Nachfrage nach Industrieerzeugnissen die Umsatzentwicklung des produktionsnahen Großhandels, die Nachfrage nach Baustoffen und -maschinen sowie der private Konsum stabilisieren jedoch die Geschäfte im Handel. Der Konsumorienterte Großhandel blickt durchaus zuversichtlich nach vorn, Einzelhandel und Produktionsnaher Großhandel gehen von einer eher gleich bleibenden Geschäftsentwicklung aus. Die Investitionsbudgets steigen leicht, Innovationen und die Digitalisierung sollen vorangetrieben werden.


Dienstleistungskonjunktur verliert an Schwung

Die Nachfrage nach Dienstleistungen bleibt kräftig, das Auftragsvolumen nimmt weiterhin zu. Jedoch sinkt der Anteil der Betriebe, die daran teilhaben. Die Wachstumsimpulse werden somit kleiner. Zusammen mit der generell im Südwesten herrschenden Verunsicherung kratzt das an der Zufriedenheit und der Zuversicht im Service. Innerhalb der Branche brummen die Geschäfte der Immobilenwirtschaft, der Digitalisierungstrend sorgt im ITK-Service für einen ausgeprägten Optimismus. Das Transportgewerbe nimmt den Fuß vom Gaspedal, die Zeitarbeit meldet ein abnehmendes Verleihgeschäft.


Hotels und Gaststättengewerbe: Zufriedenheit mit Erträgen geht zurück

Zwar befinden sich die Hotels und Gaststätten mit ungünstigem Geschäftsverlauf weiterhin in der Minderheit, jedoch ihre Zahl kräftig gestiegen. Abnehmende Zimmerauslastung und Umsätze bei tendenziell steigenden Kosten haben die Erträge der betroffenen Betriebe und damit auch ihre Zufriedenheit verringert. Dadurch fallen die Lageurteile der Branche insgesamt nicht mehr ganz so gut aus wie zuvor. Der Ausblick bleibt per Saldo verhalten, die Beschäftigungspläne auch. Die Inlandsinvestitionen, vor allem in die Digitalisierung sowie in Innovationen, bleiben dagegen aufwärts gerichtet.


Glasgewerbe, Keramik, Verarbeiter von Steinen/Erden: Im Sog des Baubooms

Fast drei Viertel der Hersteller und Verarbeiter von Glas, Keramik, Steinen und Erden befinden sich in einer guten Lage. 18 Prozent von ihnen bewerten ihre Situation als befriedigend und nur knapp acht Prozent als schlecht. Die Branche profitert insbesondere von der brummenden Baukonjunktur, da sie die fürs Bauen notwendigen Materialen wie Zement, Ziegel, Keramik, Glas oder Fliesen bereit stellt. Aber auch der steigende private Konsum trägt zum Erfolg bei (Haushaltswaren aus Glas und Keramik). Dank einer anziehenden Nachfrage blickt die Branche zuversichtlich nach vorn.



Baden-Württembergischer Industrie- und Handelskammertag
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