IHKs: Aufschwung verliert an Fahrt

27. Oktober 2014, von: BWIHK-Tag

Nachlassende Nachfrage, verhaltene Investitionen, steigende Beschäftigung
Konjunkturbericht für Baden-Württemberg, Mai 2014

Die Südwestwirtschaft befindet sich im Herbst weiterhin in einer überdurchschnittlich guten Lage. Jedoch haben die im Frühsommer noch intakten, breit gefächerten Auftriebskräfte in den Sommermonaten an Kraft verloren, so dass sie im Herbst 2014 nur noch schwache Impulse aussenden. Die Auftragsbücher der meisten Unternehmen sind zwar noch gut gefüllt, neue Aufträge kommen aber nicht mehr so zahlreich wie zuvor. Die Nachfrage verharrt in etwa auf ihrem bisherigen Niveau. Deshalb haben viele Unternehmen, die im Frühsommer noch mit einem dynamischen Aufschwung gerechnet hatten, inzwischen ihre Erwartungen korrigiert und gehen jetzt von einem etwa gleich bleibenden Verlauf ihrer Geschäfte aus. Ein Abgleiten in die Rezession halten weiterhin nur ganz wenige Betriebe für wahrscheinlich.

Sofern erneute Schocks aus dem Ausland ausbleiben, wird die Südwestwirtschaft in den kommenden Monaten ihren Expansionskurs zwar fortsetzen können, jedoch mit deutlich reduziertem Tempo. Das ergibt die aktuelle Konjunkturumfrage der IHKs in Baden-Württemberg, an der sich knapp 4.000 Unternehmen aus allen Branchen, Größenklassen und Landesteilen beteiligt haben. Erst wenn die geopolitischen Konflikte beigelegt sind und in der Eurozone eine durchgreifende, nachhaltige Erholung einsetzt, wird auch die Südwestwirtschaft wieder richtig in Schwung kommen.


Nachfrageimpulse lassen nach

Derzeit tendieren die Auftragseingänge – sowohl aus dem Ausland wie auch dem Inland – merklich schwächer als im Frühsommer. Insgesamt ist der Anteil der Unternehmen, die weiterhin von steigenden Auftragseingängen profitieren, von 38 auf aktuell 26 Prozent gesunken. Über eine sich abschwächende Nachfrage klagen gut 19 Prozent, ein Anstieg um sieben Prozentpunkte. Der Indikator für Auftragseingänge der  baden-württembergischen Gesamtwirtschaft ist von 27 auf sieben Prozentpunkte gefallen. In der Industrie beträgt er sogar nur noch einen Prozentpunkt, nach 25 im Frühsommer. Dies deutet eine nur leicht aufwärts tendierende Nachfrageentwicklung.

Die schwächere Auslandsnachfrage beruht darauf, dass drei von fünf Weltwirtschaftsregionen vorerst als mögliche Impulsgeber ausfallen. Erstens Osteuropa: Der Ukraine-Konflikt hat bereits zu gegenseitigen Wirtschaftssanktionen zwischen Russland und der Europäischen Union geführt. Hier rechnen die hiesigen Osteuropaexporteure mit deutlichen Einbußen. Weiter Lateinamerika: Von dort verspricht sich die hiesige Exportwirtschaft ebenso nur noch geringe Zuwächse, da insbesondere Brasilien in zunehmend schwierigeres Fahrwasser geraten ist. Schließlich hat sich die Erholung der Nachfrage aus der Europäischen Union verlangsamt. So gelingt es den nach Deutschland größten Volkswirtschaften der Eurozone - Frankreich und Italien - nicht, aus der Stagnation herauszukommen. Somit bleiben allein Nordamerika und Asien als Wachstumsregionen übrig, von denen anhaltend positive Nachfragesignale ausgehen. Außer im Fahrzeugbau, der mit den USA und China zwei seiner größten Märkte in diesen Regionen hat, reichen die Nachfragezuwächse auf diesen Märkten aber nicht aus, um die Schwäche der anderen Märkte zu kompensieren und darüber hinaus zusätzlich als Wachstumstreiber für die Südwestwirtschaft zu fungieren.

Auch die Binnennachfrage ist derzeit etwas schwächer ausgeprägt. Nur die Dienstleister melden nach wie vor steigende Auftragsvolumina. Der Bauboom hält insbesondere im Wohnungsbau an, kann aber aufgrund begrenzter Kapazitäten nicht als Wachstumstreiber für die Gesamtwirtschaft herhalten. Dank stabiler Arbeitsmarkt- und Einkommensentwicklung stützt der private Konsum die Binnenkonjunktur, vorantreiben wird er sie jedoch nicht. Der Einzelhandel bewertet das Konsumverhalten eher als zurückhaltend bis saisonüblich. Die Binnennachfrage nach Industrieerzeugnissen aus Baden-Württemberg entwickelt sich ebenso gleichbleibend.


Verhaltene Investitionspläne

Dass die Südwestwirtschaft in der aktuellen Entwicklung eher eine vorübergehende Konjunkturdelle statt eines Vorboten einer neuerlichen Krise sieht, zeigen die betrieblichen Pläne für Inlandsinvestitionen. Trotz der gestiegenen Verunsicherung und der eingetrübten Stimmung planen die Unternehmen ihre Investitionstätigkeit auf nahezu unverändertem Niveau des Frühsommers. So wollen rund 30 Prozent der Unternehmen in den kommenden zwölf Monaten mehr investieren als im gleichen Zeitraum zuvor. Unverändert lassen wollen ihre Investitionsausgaben 55 Prozent der Betriebe; 15 Prozent sehen vor, ihre Investitionsbudgets zu kürzen. Die Politik sollte deshalb vorhandene Haushaltsspielräume nutzen, um die Infrastruktur (Straßen, Breitband, Energie) instand zu setzen bzw. für die Zukunft zu rüsten. Das würde den heimischen Standort nachhaltig stärken, steigende Unternehmensinvestitionen nach sich ziehen und damit das Wachstumspotential erhöhen.


Steigende Beschäftigtenzahlen

Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Baden-Württemberg ist von März 2013 bis März 2014 auf 4.234.396 Beschäftigte gestiegen, ein Plus von zwei Prozent. Während gut zwei Drittel der Betriebe ihre Belegschaften in den kommenden zwölf Monaten in etwa konstant halten wollen, planen 20 Prozent der Unternehmen zusätzliches Personal einzustellen. Zwölf Prozent haben vor, ihren Personalbestand zu reduzieren. Diese unverändert leicht positiven Beschäftigungsabsichten der Südwestunternehmen deuten darauf hin, dass sich dieser Trend weiter fortsetzt. Gebremst wird der Personalbedarf durch den akuten Mangel an Fachkräften. Dabei sehen nicht nur 35 Prozent der Unternehmen im Fachkräftemangel ein bedeutendes Geschäftsrisiko, genauso viele haben derzeit offene Stellen, für die sie nicht die passenden Fachkräfte finden. Angesichts rückläufiger Schulabgängerzahlen wird auch die Besetzung eigener Ausbildungsplätze schwieriger.

Die positive Beschäftigungsentwicklung spiegelt sich zum Teil auch im Rückgang der Arbeitslosigkeit wider. Im Schnitt der ersten neuen Monate dieses Jahres gab es 233.552 registrierte Arbeitslose. Das entspricht einem Rückgang der Arbeitslosenzahl um 3.554 Personen bzw. 1,6 Prozent. Mit einer Arbeitslosenquote von vier Prozent zählt Baden-Württemberg mit Bayern weiterhin zu den Regionen mit der geringsten Arbeitslosigkeit in Deutschland und in Europa.


Der Blick in die Branchen:


Industrie: Nachfrage stagniert

Die im Frühjahr noch schwungvolle Nachfrageentwicklung ist im Herbst zum Erliegen gekommen. Aktuell halten sich positive und negative Auftragseingangsmeldungen nur noch die Waage. Das trübt die Stimmung in der Industrie zwar etwas ein, ist aber keinesfalls ein Zeichen von Resignation. Sofern weitere Schocks vor allem aus dem Ausland unterbleiben, rechnet die Südwestindustrie in den kommenden zwölf Monaten – im Vertrauen auf ihre Wettbewerbsfähigkeit - mit einer erneuten Belebung ihres Geschäftes. Die Pläne für Inlandsinvestitionen bleiben auf einem leicht ansteigenden Pfad, der Bedarf an zusätzlichem Personal hat leicht abgenommen.


Fahrzeugbau profitiert vom Export

Der Fahrzeugbau bewertet seine Lage auf hohem Niveau nochmals besser als im Frühjahr. Trotz abnehmender Russland- und Osteuropaexporte sind die Auslandserlöse insgesamt gestiegen. Gestützt auf die gut laufenden Geschäfte in den USA und China bleiben die Autobauer und ihre Zulieferer für die kommenden Monate unverändert zuversichtlich. Aber auch die Absatzchancen innerhalb der Europäischen Union werden positiver bewertet. In Bezug auf Deutschland hat sich zumindest die Zahl der Betriebe stark verringert, die bislang weitere Absatzeinbußen befürchtet haben.


Bau: Konstanz auf höchstem Niveau

Auch die Bauwirtschaft meldet eine stagnierende Nachfrage. Im Gegensatz zu anderen Branchen senkt das jedoch nicht die Zufriedenheit mit der aktuellen Lage: 59 Prozent der Betriebe melden eine gute Geschäftslage, schlecht geht es gerade mal gut einem Prozent. Dank der historisch günstigen Hypothekenzinsen befindet sich insbesondere die Nachfrage im privaten Wohnungsbau auf einem so hohen Niveau, dass eine stagnierende Nachfrage für die Unternehmen eine positive Nachricht ist. Die Bauproduktion konnte trotzdem gesteigert und die Ertragslage verbessert werden. Vier von fünf Bauunternehmen erwarteten, dass ihre Geschäfte in den kommenden Monaten gleich gut laufen werden.


Einzelhandel trotzt den Widrigkeiten

Wie üblich folgt der Geschäftsverlauf des Großhandels der konjunkturellen Entwicklung seiner Kundschaft. Hier bremst die verlangsamte Industriekonjunktur die weitere Expansion des Großhandels, der Bauboom stützt seine Geschäftsentwicklung jedoch. Im Einzelhandel schwächelt nach einem kurzfristigen Frühjahrshoch erneut der Kfz-Handel im Land. Beim Rest ist die Zufriedenheit dagegen leicht gestiegen. In allen Handelssparten rechnet die Mehrheit der Betriebe mit in etwa gleich bleibenden Geschäften, im Kfz-Handel jedoch mit einer Portion Skepsis.


Dienstleistungen: Leichte Schwankungen auf hohem Niveau

Die Umsätze im Service sind im Vorjahresvergleich gestiegen, das Auftragsvolumen tendiert weiter aufwärts und die Ertragsentwicklung hat sich verbessert. Folglich ist die Zufriedenheit mit der aktuellen Lage auf hohem Niveau nochmals leicht gestiegen. Allerdings fällt der Blick nach vorn im Service nicht mehr so optimistisch aus wie im Frühsommer, bleibt aber von Zuversicht geprägt. Offensichtlich treffen die externen konjunkturellen Störfaktoren die Geschäfte der Dienstleister nicht unmittelbar, sondern  mit Verzögerung über die Dienstleistungsnachfrage ihrer Firmenkunden.


Hotels und Gaststätten: Hotellerie im Aufwind

Wie im Frühsommer bewertet die Hälfte der Gastronomen ihre Lage als befriedigend, vier von zehn Betrieben geht es gut. Ihre Umsätze tendieren leicht aufwärts, wobei das Geschäft mit Privatkunden etwas besser läuft als das mit Geschäftskunden. Die Geschäfte der Hoteliers haben dagegen merklich angezogen: Dank zunehmender Übernachtungszahlen konnte die Zimmerauslastung sowie der Absatz erhöht werden. Die Zahlen der Hotelrestaurants fielen dagegen häufig nicht zufriedenstellend  aus. Von den kommenden Monaten versprechen sich die Gastronomen konstante, die Hoteliers leicht verbesserte Geschäfte.



Baden-Württembergischer Industrie- und Handelskammertag
Federführung Volkswirtschaft
Philip Reimers
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