Robuster Start ins neue Jahr

6. März 2015, von: BWIHK-Tag

Konjunkturbericht für Baden-Württemberg, Februar 2015

Die Unternehmen aus Baden-Württemberg haben sich im vergangenen Jahr im globalen Wettbewerb erfolgreich behaupten und einen neuerlichen Exportrekord aufstellen können. Dies gelang trotz eines Einbruchs der Nachfrage aus Russland im Zuge der Ukraine-Krise und einer schwächelnden Eurozone. Das verdanken die Betriebe vor allem ihrer hohen Wettbewerbsfähigkeit und der starken Präsenz in allen wichtigen Weltwirtschaftsregionen, die es ermöglicht, entstehende Chancen rasch zu ergreifen bzw. schnell auf mögliche Probleme zu reagieren. Dagegen ist es nur wenigen Unternehmen gelungen, auch im Inland vergleichbare Zuwächse zu erzielen. Die Geschäfte der meisten Betriebe sind auch in Deutschland auf einem gleichbleibend hohen Niveau verlaufen.

So ist die Südwestwirtschaft zu Beginn des neuen Jahres guter Dinge. Zwar mahnen unverändert zahlreiche Risiken zur Vorsicht, die Erwartungen der Unternehmen zeigen im Bewusstsein der eigenen Stärke aber weiterhin leicht nach oben. Die überwiegende Mehrheit rechnet damit, ihre Geschäfte in den kommenden Monaten zumindest auf dem derzeitigen hohen Niveau halten zu können. Das ergibt die aktuelle Konjunkturumfrage der IHKs in Baden-Württemberg, an der sich über 3.900 Unternehmen aus allen Branchen, Größenklassen und Landesteilen beteiligt haben.


Ausgeprägte Zufriedenheit

Von dieser positiven Entwicklung profitieren insbesondere die exportstarken Industrieunternehmen sowie deren Zulieferer, die weltweit mit ihren hoch innovativen Qualitätsprodukten und -diensten erfolgreich sind. Die Zufriedenheit der stärker auf die private Konsumnachfrage im Inland ausgerichteten Betriebe ist dagegen trotz einer anhaltend guten Verbraucherstimmung schwächer ausgeprägt. Offenbar erliegen Konsumenten häufiger dem Charme eines importierten Schnäppchens oder verwenden ihre steigenden Einkommen lieber für Reisen und andere Dienstleistungen als für die Anschaffung von Konsumgütern. Angesichts des historisch niedrigen Zinsniveaus fließt weiterhin ein beträchtlicher Anteil des privaten Ausgabevolumens in die Nachfrage nach Bauleistungen im privaten Wohnungsbau.

Insgesamt meldet die Südwestwirtschaft zu Jahresbeginn eine im Vergleich zum letzten Herbst leicht erhöhte Zufriedenheit. Die Zahl der Betriebe, die ihre aktuelle Situation als gut bewerten, ist um zwei Prozent auf jetzt 48 angestiegen, fast genauso viele Unternehmen (46 Prozent) befinden sich in einer befriedigenden Lage. Über schlecht laufende Geschäfte klagen nahezu unverändert sechs Prozent der Unternehmen. Die hiesige Wirtschaft befindet sich somit weiter in einer überdurchschnittlich guten Verfassung: Der Lageindikator als die Differenz zwischen positiven und negativen Lageurteilen liegt mit knapp 42 Punkten sehr deutlich über seinem langfristigen Durchschnitt (16 Punkte).


Risiken dämpfen Zuversicht

Für die kommenden zwölf Monate rechnet die Wirtschaft im Südwesten trotz dieser sehr guten Ausgangslage nicht mit größerer Dynamik. So zeugen die aktuellen Nachfragetendenzen nur von einer leicht aufwärts gerichteten Entwicklung. Wie schon im Herbst registrieren mehr als die Hälfte der Unternehmen einen konstanten Auftragseingang. Um zwei Prozentpunkte auf jetzt 28 ist die Zahl der Betriebe mit anziehender Nachfrage gestiegen. Im gleichen Umfang hat sich der Anteil von Unternehmen mit abnehmenden Auftragseingängen verringert. In der Hoffnung, dass sich weder die Ukraine-Krise zuspitzt noch die Kämpfe in Syrien und dem Irak ausweiten oder andere unerwartete Schocks die bislang prosperierenden Märkte in Nordamerika und Asien in Mitleidenschaft ziehen werden, blickt die heimische Exportwirtschaft recht zuversichtlich auf ihre Absatzchancen im weiteren Jahresverlauf. Lateinamerika, die Eurozone sowie das restliche Westeuropa dürften dagegen nur moderat zum Exportwachstum beitragen, die Nachfrage aus Russland und seinen osteuropäischen Nachbarn dürfte im Sinkflug verharren.

Neben einem möglichen Rückgang der Inlandsnachfrage dämpfen vor allem hausgemachte Risiken die Erwartungen der Wirtschaft. Gut vier von zehn Unternehmen sehen in steigenden Arbeitskosten und akutem Fachkräftemangel ein Risiko für die Entwicklung ihrer Geschäfte. Die aktuelle Wirtschaftspolitik sorgt bei über einem Drittel der Betriebe für Unmut.

Nach Abwägung der Chancen und Risiken geht die Mehrheit der Südwestunternehmen (60 Prozent) weiterhin davon aus, dass ihre Geschäfte auf dem erreichten hohen Niveau verharren. Drei von zehn Betrieben sind optimistisch gestimmt; pessimistisch blickt nur jedes neunte Unternehmen nach vorn. Diese insgesamt verhaltene Zuversicht macht die Wirtschaft vorsichtig und bewirkt, dass die Inlandsinvestitionen vorerst nicht in Schwung kommen. So wird die Südwestwirtschaft in den kommenden Monaten weiterhin nur mit mäßigem Tempo expandieren.


Fachkräftemangel bremst Personalaufbau

In Baden-Württemberg hat sich im vergangenen Jahr die positive Arbeitsmarktentwicklung trotz der im zweiten Halbjahr deutlich nachlassenden konjunkturellen Dynamik fortgesetzt. Laut Bundesagentur für Arbeit waren im Südwesten mehr als 3,4 Millionen Personen sozialversicherungspflichtig beschäftigt (November 2014), ein Plus von über 91.000 Beschäftigten bzw. 2,2 Prozent verglichen mit demselben Vorjahresmonat.

Dies führte 2014 – anders als 2013 – auch zu einem leichten Rückgang der Arbeitslosigkeit. Sie sank im Jahresdurchschnitt um 3.583 Personen (-1,5 Prozent) gegenüber dem Vorjahr. Die Arbeitslosenquote ging um 0,1 Prozentpunkte auf vier Prozent zurück. Dass rechnerisch nur jede fünfundzwanzigste Stelle mit einer erwerbslosen Person besetzt wurde, liegt vor allem daran, dass die Mehrheit der Arbeitslosen betriebliche Qualifikationsanforderungen nicht erfüllen kann.

Der Personalbedarf im Südwesten bleibt auch 2015 leicht ansteigend: 21 Prozent der Betriebe wollen ihre Belegschaften vergrößern, nur 13 Prozent planen einen Personalabbau. Zwei Drittel der Unternehmen werden versuchen, die Zahl ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in etwa konstant zu halten. Allerdings wird alleine schon der Ersatz von ausscheidenden Fachkräften für viele Betriebe kein einfaches Unterfangen angesichts akuter Engpässe. Nicht verwunderlich, dass vier von zehn Unternehmen im Fachkräftemangel ein Risiko für die eigene Geschäftsentwicklung sehen.


Der Blick in die Branchen:


Industrie: Verhaltene Zuversicht

Zwar ist die im Herbst verlorengegangene Dynamik noch nicht zurückgekehrt, aber die Geschäfte der Industrie laufen weiter auf hohem Niveau. Von dieser gleichbleibend positiven Entwicklung profitieren dabei heuer einige Betriebe mehr. Erste Anzeichen einer Belebung der Auslandsnachfrage bestärken die Industrie darin, für das gesamte Jahr 2015 mit Exportzuwächsen zu rechnen. Demgegenüber bereitet die Inlandsnachfrage weiterhin jedem zweiten Betrieb Sorgen. Auch das Risiko steigender Arbeitskosten und einer investitionshemmenden Wirtschaftspolitik dämpfen die Erwartungen.


Chemie: Steigende Nachfrage hebt die Stimmung

Die chemische Industrie scheint ihre kurze Durststrecke vom letzten Herbst überwunden zu haben. Steigende Umsätze, eine verbesserte Ertragssituation sowie wieder zunehmende Auftragseingänge haben nicht nur die Zufriedenheit von Chemieunternehmen mit ihrer Geschäftslage deutlich erhöht. Auch der Blick auf die kommenden Monate fällt jetzt spürbar freundlicher aus. Das hat viele Betriebe der Chemiebranche dazu veranlasst, entgegen ihrer Planungen des vergangenen Herbstes, dringend notwendige Ersatzinvestitionen nun doch nicht in ferne Zukunft zu verschieben.


Bau: Auftragsreichweite beginnt zu schmelzen

Die Rahmenbedingungen zur Fortsetzung des Baubooms bleiben weiterhin intakt: Historisch günstige Finanzierungsbedingungen, stabil positive Beschäftigungsentwicklung, steigende Einkommen. Nichtsdestotrotz findet eine langsam wachsende Zahl von Baufirmen ein ‚Haar in der Suppe‘: Die Nachfrage nach Bauleistungen hat in allen Sparten von einem hohen Niveau aus nachgelassen, so dass die Auftragsreichweite abzunehmen beginnt. Drei Viertel der Betriebe rechnet weiterhin mit gleichbleibenden Geschäften, aber im angesprochenen vierten Viertel überwiegt jetzt die Skepsis.


Großhandel zufriedener als Einzelhandel

Zwar ist es 31 Prozent der Einzelhändler in den vergangenen Monaten wie erhofft gelungen, sich vom wachsenden privaten Konsum ein größeres Stückchen abzuschneiden. Allerdings haben 37 Prozent der Händler ihr Erlösniveau nicht halten können, so dass die Lageurteile insgesamt etwas ungünstiger ausfallen. Im Großhandel verliefen die Geschäfte im Schnitt der Branche dagegen positiv, so dass die Zufriedenheit dieser Gruppe mit ihrer aktuellen Lage wieder zugenommen hat. Sowohl im Einzel- als auch im Großhandel ist die Zuversicht bei mehrheitlich gleichbleibenden Erwartungen leicht gestiegen.


Dienstleistungen: Hohe Zufriedenheit, mäßige Zuversicht

Der Service bewertet die aktuelle Lage erneut etwas positiver als vier Monate zuvor. 53 Prozent der Betriebe geht es gut, nur knapp fünf Prozent klagen über schlecht laufende Geschäfte. In fast allen Teilbranchen heißt es: Zufriedenheit auf hohem Niveau. Der Ausblick auf 2015 fällt total gesehen aber eher mäßig zuversichtlich aus. Denn während ITK-Service, Berater und Finanzdienste einen optimistischen Blick nach vorn richten, fällt die Zuversicht in Verkehr, der Gastronomie, der Immobilienwirtschaft sowie in der Werbung recht verhalten aus.


Hotels und Gaststätten: Hotellerie zuversichtlich, Gastronomie skeptisch

Dank steigender Übernachtungszahlen setzt sich der Höhenflug in der Hotellerie fort. Verbesserte Zimmerauslastung und insgesamt steigende Umsätze heben die Stimmung trotz nur befriedigend laufender Geschäfte in den Hotelrestaurants. Auch die Lage der Gastronomen hat sich seit dem letzten Herbst verbessert. Im Gegensatz zur leicht optimistischen Hotellerie dominieren in der Gastronomie aber verhaltene bis skeptische Erwartungen. In beiden Teilbranchen dämpft vor allem die Sorge über steigende Arbeitskosten und eine weitere Verschärfung des Fachkräftemangels die Stimmung.



Baden-Württembergischer Industrie- und Handelskammertag
Federführung Volkswirtschaft
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