Flüchtlinge sind in der Ausbildung angekommen

30. August 2019

Fachkräftesicherung über den Weg der Ausbildung bleibt große Herausforderung


Stuttgart, 30. August 2019 – Immer mehr Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistungsbranche in Baden-Württemberg bilden Flüchtlinge aus. Damit reagieren die Unternehmen gezielt auf die weiter rückläufigen Bewerberzahlen. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Online-Umfrage des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK) bei fast 1.900 zumeist ausbildenden Betrieben im Land und etwa 360 in der Region Stuttgart (RS). „Junge Geflüchtete stellen auf dem angespannten Bewerbermarkt eine neue Zielgruppe für die Unternehmen dar. Gleichzeitig erhalten Geflüchtete mit einer Ausbildung eine solide Grundlage, um auf dem Arbeitsmarkt und damit in unserer Gesellschaft Fuß zu fassen“, sagt Marjoke Breuning, BWIHK-Vizepräsidentin und Präsidentin der IHK Region Stuttgart, die im BWIHK für Fragen zur Ausbildung zuständig ist. Der Anteil der Unternehmen, die Flüchtlinge ausbilden, ist laut Umfrage im Vergleich zum Vorjahr im Land um knapp 4 Prozentpunkte auf 20 Prozent gestiegen. In der Region Stuttgart hat der Anteil mit aktuell 24 Prozent sogar um 7 Prozentpunkte zugenommen. Derzeit stehen in Baden-Württemberg mehr als 3.000 Geflüchtete in einem Ausbildungsverhältnis in einem IHK-Beruf beziehungsweise rund 800 in der Region Stuttgart. Viele davon wurden von den IHK-Kümmerern im Rahmen des vom Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg geförderten Projekts vermittelt.


Besetzung von Ausbildungsplätzen bleibt schwierig
Die Umfrage ergab auch, dass es wie bereits im Jahr 2018 fast jedes dritte baden-württembergische Unternehmen nicht schafft, seine Ausbildungsplätze zu besetzen. Die Lage in der Region Stuttgart hat sich etwas entspannt. Die Zahl der Betriebe mit unbesetzten Lehrstellen ist um 5 Prozentpunkte zurückgegangen und liegt aktuell bei 20 Prozent. „Die Herausforderung für die Unternehmen, den dringend benötigten Nachwuchs an Fachkräften zu gewinnen, bleibt enorm“, sagt Breuning. Der nach wie vor hohe Anteil unversorgter Ausbildungsbetriebe bereite daher Anlass zur Sorge. „Wir dürfen nicht nachlassen, einen höheren Anteil der Schulabgänger für eine Ausbildung zu gewinnen. Dafür müssen Angebote zur Berufsorientierung und Ausbildungsberatung weiter ausgebaut werden, um die hohe Qualität und hervorragenden Zukunftsperspektiven einer dualen Ausbildung noch bekannter zu machen“, so Breuning weiter. Die größten Schwierigkeiten bei der Besetzung der Ausbildungsplätze hat laut Umfrage unverändert das Gastgewerbe. Dort ist die Besetzungsquote zwar auch leicht angestiegen, dennoch können nur knapp 45 Prozent (BW) beziehungsweise 30 Prozent (RS) der Unternehmen alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen.


In Baden-Württemberg meldet etwa ein Drittel der Unternehmen, die nicht alle Ausbildungsplätze besetzen konnten, dass sie gar keine Bewerbungen erhalten haben. In der Region Stuttgart ist es ungefähr ein Fünftel der Betriebe. Der häufigste Grund, dass Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben, ist nach wie vor der Mangel an geeigneten Bewerbern. Sowohl in Baden-Württemberg als auch in der Region Stuttgart melden dies über 70 Prozent der Unternehmen, die ihre Lehrstellen nicht besetzen konnten. Viele Betriebe beklagen zudem unklare Vorstellungen vom Beruf bei den Bewerbern. Auch hat sich die Ausbildungsreife gegenüber der letzten Umfrage noch einmal geringfügig verschlechtert (BW: 94 Prozent, RS: 90 Prozent). Vor allem Leistungsbereitschaft und Motivation, mündliches und schriftliches Ausdrucksvermögen, Belastbarkeit sowie Disziplin werden von den Betrieben bemängelt.


Verbessertes Ausbildungsmarketing und neue Bewerbergruppen
Dennoch lassen sich die Unternehmen nicht entmutigen. Mittlerweile gibt jeder zweite Betrieb an, mit verbessertem Ausbildungsmarketing auf rückläufige Bewerberzahlen und Probleme bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen zu reagieren. Neben dem Angebot von Praktikumsplätzen erschließen sich die Unternehmen in zunehmendem Umfang neue Bewerbergruppen wie zum Beispiel Studienabbrecher (BW: 43 Prozent, RS: 50 Prozent, Anstieg jeweils um etwa 10 Prozentpunkte seit 2015). Immer mehr Unternehmen bieten ihren Auszubildenden auch finanzielle oder materielle Anreize oder Auslandsaufenthalte während der Ausbildung. Zudem sind zunehmend mehr Betriebe bereit, leistungsschwächeren Schulabgängern eine Chance zu geben. Sie begegnen der mangelnden Ausbildungsreife mit verschiedenen Unterstützungsangeboten wie zum Beispiel mit eigener Nachhilfe, ausbildungsbegleitender Unterstützung der Agentur für Arbeit oder die Möglichkeit einer betrieblichen Einstiegsqualifizierung (EQ). Nur jedes fünfte Unternehmen in Baden-Württemberg und jedes sechste in der Region Stuttgart gibt an, dass es nicht möglich sei, Leistungsschwächere zu fördern oder zu integrieren.


Wirtschaft 4.0: IT-Kompetenzen werden immer wichtiger
In der betrieblichen Ausbildung der Zukunft sind IT-Kompetenzen laut rund 80 Prozent der Unternehmen ein wichtiges Einstellungskriterium. Selbstständiges und verantwortungsbewusstes Handeln, Kommunikationsfähigkeit sowie strukturiertes Arbeiten bilden weitere Schwerpunkte. Die Medienkompetenz ihrer Auszubildenden bei Ausbildungsbeginn schätzen die meisten Unternehmen auf Basisniveau ein. Erwartungsgemäß bewerten die Betriebe die Kompetenzen ihrer Lehrlinge als Digital Natives im Bereich Social Media sehr gut, vermissen aber häufig die erforderliche Sensibilität im Umgang mit Daten und dem Datenschutz. Drei von vier Betrieben bestätigen, dass die vorhandenen Ausbildungsberufe auch in Zeiten des digitalen Wandels ihren betrieblichen Bedarf treffen. Breuning: „Mit einer dualen Ausbildung, in der Berufe regelmäßig modernisiert werden, gelingt es den Unternehmen jetzt und in Zukunft junge Menschen fit für die moderne Arbeitswelt zu machen.“


Ansprechpartner für die Redaktionen:

IHK Region Stuttgart | Federführung Ausbildung
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